Ingo Reichart
14.04.2019 Sport & Action

Dieser Allgäuer Radsportler geht im Wohnzimmer steil

Der Kemptener Ingo Reichart nutzt Internet-Plattformen und Online-Videospiele als Training mit hohem Spaßfaktor. Auch draußen auf der Straße hält er über 300 Rekorde. Wie das geht, liest Du hier.

Wie viele Hobbyradfahrer zog es natürlich auch Ingo Reichart in den vergangenen Tagen wieder raus an die frische Luft. Der 44-Jährige vom RSC Kempten freut sich auf das heute beginnende Trainingslager am Gardasee und die anschließenden Ausfahrten im Allgäu - vor verschneiten Berggipfeln und vorbei an leuchtend gelben Löwenzahn-Wiesen. "Es geht doch nix über das reale Radfahren mit allen Sinnen", sagt Reichart nach einem langen Winter. In seinem Wohnzimmer, das er sich bei so manchen "Einsätzen" auf der Trainingsrolle mit Freundin Rimma und den zwei Kindern teilt, ist er in den letzten Monaten geradelt wie ein Verrückter. 13 bis 15 Stunden pro Woche sitzt er in den Schneemonaten auf seinem Rollentrainer und strampelt. Damit der Spaß- und Motivationsfaktor nicht abnimmt, nutzt Reichart wie kaum ein anderer in dieser Szene die digitalen Medien.

Auf "Zwift", einem ausgeklügelten Video-Online-Spiel, bei dem weltweit hunderte Radfahrer ein gemeinsames Rennen bestreiten können, holte er sich im Februar dieses Jahres sogar die deutsche Meisterschaft. In einer virtuell dargestellten Landschaft war er auf der 67 Kilometer-Strecke mit 560 Höhenmetern in 1:31 Stunden der Schnellste unter 600 Teilnehmern. Vor der durchschnittlichen Geschwindigkeit von 44,2 km/h und einer durchschnittlichen Leistungszahl von 298 Watt zogen sogar seine erfolgsverwöhnten Klubkollegen vom RSC Kempten den Hut. Dass er vor ein paar Tagen den Titel wieder aberkannt bekam, weil er zum Nachweis seiner Leistung versäumt hatte, einen Sprint-Wert in ein Online-Formular einzutragen, stört Reichart nicht wirklich.

Auch draußen auf der Straße räumte Reichart in den letzten Jahren von Oberstdorf bis Illertissen und von Füssen bis zum Bodensee reichlich ab. 310 Kronen hat er auf Strava, einem sozialen Netzwerk speziell für Sportler, gesammelt. 310 Mal ist Reichart aktuell "King of Mountain", spricht auf Platz eins von sogenannten Segmenten, also Teilabschnitten, auf denen die Radfahrer sich gegenseitig messen. Jeder fährt, wann er will, Geschwindigkeiten und Zeiten zeichnet ein GPS-Gerät auf und die App erstellt daraus Ranglisten. Zwei Beispiele, wo Reichart die Rekorde hält: Die Lenzfrieder Straße von der Iller bis zum Schumacherring hetzte er mit einem 32er-Schnitt und einer Leistung von 604 Watt in 1:06 Minuten hoch und ließ 348 Mitkonkurrenten hinter sich. Und auf dem 5,7-Kilometer-Segment von Bodelsberg nach Durach ist er mit einer Zeit von 5:48 Minuten und einem Durchschnittstempo von 59,7 km/h Spitzenreiter von insgesamt 615 Radfahrern, die sich seit Jahren an Reicharts Bestzeit die Zähne ausbeißen.

Sie erleichtert uns die Trainingssteuerung und motiviert. 
Ingo Reichart über die neue Technik

Stolz zeigt der Kemptener, dass er auf dieser Plattform 170 Radbegeisterte hat, die ihm folgen. Er selbst beobachtet 144 Radler und tauscht sich regelmäßig mit diesen aus. "Früher hast du auf den Trainingsrunden nur selten Bekanntschaften gemacht, aber Strava bringt uns Sportler da echt zusammen. So freute er sich, dass just in dem Moment, wo er dem Reporter die Anwendung auf seinem Smartphone zeigt, ein Kumpel von ihm eine schöne Rundtour auf Mallorca postet. "Die bin ich fast 1:1 so auch geradelt", sagt Reichart. Die neue Technik sei für ihn nicht nur Spielerei: "Sie erleichtert uns die Trainingssteuerung und motiviert."

Reichart hat seine Leidenschaft zum Radfahren erst recht spät entdeckt. Als Kind und Jugendlicher war er erfolgreicher Leichtathlet beim TV Kempten 1856. Er liebte den Vierkampf, später schaffte er es beim Speerwurf sogar in den bayerischen und deutschen Kader. Eine Ellbogen-Verletzung zwang ihn aber schon mit 17 zum Aufgeben. Noch heute erinnert er sich an sein erstes weiß-gelb-schwarzes Rennrad mit einer Shimano-Rohrschaltung. "Die Liebe zum Radfahren entwickelte sich langsam", sagt Reichart. Seinen ersten Hungerast erlebte er bei einer Ausfahrt mit seinem Vater Ludwig, später folgten Alpenüberquerungen mit Freunden und irgendwann auch die Lust, sich im Wettkampf mit anderen zu messen. Schon damals war er fasziniert, wie gut vernetzt die Radszene im Allgäu ist. Mit der Digitalisierung in den letzten Jahren habe diese Vernetzung aber mit einem Schlag "eine komplett neue Dimension" erreicht.

Weitere Artikel