Durchbruch mit toller Idee
27.11.2018 Land & Leute

Dieser Allgäuer ist in Nordamerika als "Chopstick-Upcycler" bekannt. Lies hier, was er macht

Mir Allgäuer sind schon Käpsele! Erst in dieser Woche haben wir über zwei Biologen berichtet, die hinaus in die weite Welt bis nach Australien zogen, um eine Erfindung zu machen, die ihnen jetzt den US-Fernsehpreis "Emmy" einbringt. Doch Einfallsreichtum und Erfindergeist der Allgäuer scheinen wirklich keine Grenzen zu kennen: Lies hier die faszinierende Geschichte eines Immenstädter Schreiners, der in Kanada Fußböden und Designer-Möbel aus Ess-Stäbchen fertigt und es damit ebenfalls ins nordamerikanische Fernsehen schaffte!

Aufgewachsen in Bühl am Alpsee, hat Felix Böck natürlich gelernt, Flädlesupp, Schnitzel oder Kässpatzen mit Löffel, Messer und Gabel zu essen. Damals konnte er nicht wissen, dass ihn ein ganz anderes Werkzeug zum Verzehren von Speisen später mal ausgesprochen gut ernähren würde: Ess-Stäbchen. Die länglichen Hölzchen aus Bambus benutzt der 29-Jährige aber nur hin und wieder zum Essen.

Heute braucht der gelernte Schreiner die Chop-Sticks – wie die Ess-Stäbchen auf Englisch heißen – in großen Mengen als Rohmaterial für Bretter. Daraus stellt er dann Holzwerkstoffe für Fußbodenbeläge, Wandverkleidungen, Regale und Designer-Möbel her. In Nordamerika kommt er mit dieser Geschäftsidee gerade groß raus. Er hat vor zwei Jahren in Vancouver die Firma ChopValue gegründet. Mittlerweile arbeiten in diesem Unternehmen 22 Menschen in drei Städten.

In den Top-50 der bedeutendsten „sauberen“ Unternehmen

Die kanadischen Medien sind fasziniert von dem Start-up des „boy from Bavaria“. Das Konzept, aus einem Wegwerfprodukt wie Ess-Stäbchen wieder etwas sehr Nützliches zu machen und dabei Rohstoffe zu schonen, füllt ganze Seiten in Branchen- und Lifestyle-Magazinen.

Auch in kanadischen und US-amerikanischen Fernsehsendern durfte Felix Böck schon als „chopstick-upcycler“ auftreten, also als Mann, der gebrauchte Ess-Stäbchen zu neuen innovativen Materialen entwickelt. Das Sahnehäubchen an Publicity war jedoch die Verleihung des kanadischen „Clean 50 Emerging Leader Award for 2018“, also der Auszeichnung für Felix Böck und ChopValue, in diesem Jahr zu den 50 bedeutendsten „sauberen“ Unternehmen zu zählen.

Auf Holz geprägt

Als kleiner Bub war Felix mit seinem Vater Heinz Böck viel in den Bergen unterwegs. Im Sommer auf der Alpe Untere Hornbach bei Bad Hindelang und später auf der Alpe Schilpere bei Steibis lernte er nicht nur, Schumpen zu hüten. „Er hat eigentlich immer mit seinem Taschenmesser an einem Stück Holz rumgeschnitzt“, erinnert sich Heinz Böck. Da lag es nahe, dass der Teenager nach der Schule eine Lehre begann, die viel mit Holz zu tun hat. Die Ausbildung absolvierte er schließlich in der Hindelanger Schreinerei von Markus Haug. Über diese Zeit sagt er: „Prägend für mich war tatsächlich die Größe des Betriebs, mit zwei bis vier Leuten im Team. Da hat man wirklich alles gelernt und mitbekommen. Und man kann sich nicht leisten, ‘nein’ zu sagen.“ Am Ende der Lehre war Felix Böck mit seinen Noten und dem Gesellenstück – ein Feierabendmöbel – Innungssieger im Schreinerhandwerk 2008. 

Die Idee kam beim Sushi-Essen

Der junge Mann machte anschließend sein Fachabitur im Kempten und studierte dann an der Hochschule für Holztechnik und Maschinenbau in Rosenheim. Seine erste Anstellung als Ingenieur brachte ihn nach Äthiopien, mit der Aufgabe, eine Fabrik im Bezug zum Rohmaterial Bambus aufzubauen. Während seiner Arbeit bei der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) in Ludwigshafen spezialisierte sich Böck weiter auf Bambus und lernte, wie sich das Holz als Faserstoff auch für die Automobilbranche eignet.

Schließlich erhielt Böck ein Stipendium an der University of Columbia in Vancouver (Kanada), um zu promovieren. Dort kam ihm beim Sushi-Essen mit seiner mexikanischen Freundin auch die Idee, die Holzstäbchen nicht wegzuwerfen, sondern aus ihnen etwas Neues zu machen. Er begann daraufhin mit ersten Versuchen.

Holz und später speziell Bambus war für Felix Böck das eine. Das andere war schon in jungen Jahren ein ausgeprägter Geschäftssinn. Als Sechsjähriger kaufte er im Allgäu bei Souvenir-Läden Kuhglocken, entfernte die Preisschilder, überredete seinen Vater, ihm eine professionelle Preisauszeichnungsmaschine zu kaufen, machte damit neue Preisschilder mit höheren Beträgen und verkaufte die Kuhglocken dann an die Touristen. Hat das tatsächlich funktioniert? „Sagen wir mal, es ist für Urlauber unmöglich, einem sechsjährigen Bub in Lederhosen etwas abzuschlagen ...“, blickt Böck schmunzelnd zurück.

20 Jahre später hat er dann in Vancouver, während er seine Doktorarbeit über die „Entwicklung von Bauelementen aus verfahrenstechnisch hergestellten Bambuswerkstoffen und wie dadurch neue, nachhaltige Geschäftsmodelle entstehen können“ geschrieben hat, sein erstes richtiges Unternehmen gegründet: Cross Link Technologies heißt die Firma, ein Ingenieurbüro für Produktentwicklung und Prozessoptimierung in der Holz- und Bambus-Industrie. Ein Jahr später folgte der Start von ChopValue. Der Name setzt sich zusammen aus Chop für Ess-Stäbchen und Value, was in diesem Zusammenhang so viel bedeutet wie „Wertschöpfung“.

Und so funktioniert ChopValue: Böck und sein Team haben in Vancouver und Umgebung in mittlerweile über 300 Asia-Restaurants große Eimer aufgestellt. Darin sammeln die Kellner die gebrauchten Ess-Stäbchen. Die Eimer werden alle paar Tage abgeholt. Die Ess-Stäbchen werden in einem speziellen Produktionsverfahren und mit einem wasser-basierten Klebstoff, den er von der BASF bezieht, zu hochverdichteten Brettern und ähnlichen Holzwerkstoffen gepresst.

Der Nachschub geht nicht aus

Das Material eignet sich hervorragend für die Weiterarbeitung zu Möbeln, Wandverkleidungen, Böden und dergleichen. Und der Nachschub geht nicht aus. Allein im Großraum Vancouver fallen täglich etwa 100.000 Ess-Stäbchen an, 90 Prozent davon aus Bambus. Weltweit dürften es jeden Tag Milliarden von Chop-Sticks sein, die weggeworfen werden. Ein Riesenpotenzial.

Deshalb ist Felix Böck auch viel im asiatischen Raum unterwegs, vor allem in China und Indien. In diesen Ländern will er ebenfalls seine Idee umsetzen und sucht dort Partner. Weil er viel in der Welt auf Geschäftsreisen ist, kommt er auch nur noch selten in seine alte Heimat Allgäu.

Dann isst er aber nicht Sushi oder Ente süß-sauer mit Ess-Stäbchen, sondern Flädlesupp, Schnitzel oder Kässpatzen mit Löffel, Messer und Gabel.

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