MS-krank und so stark
21.11.2018 Sehen & Hören

Diese Sängerin lebt im Allgäu in einem Wohnwagen und macht nur noch, was sie will

Sabine Schmidt leidet an Multipler Sklerose. Vor fünf Jahren hat sie deshalb ihr komplettes Leben umgekrempelt. Sie gab ihren Bürojob auf und kündigte ihre Wohnung. Sie will frei sein. Und das kann sie – im Wohnwagen. „Weil ich jederzeit gehen kann“, sagt sie. In ihrem Trailer bei Buchloe nimmt sie auch ihre Musik auf, für die sie nun in gleich mehreren Kategorien für den Deutschen Rock+Pop Preis nominiert wurde! Hier gibt es die beeindruckende Geschichte einer starken Frau!

Ihre Leichtigkeit erinnert an Annett Louisan, der Soul ihrer Stimme an Joy Denalane. Doch der Text, den Sabine Schmidt unbeschwert, aber eindringlich singt, lässt sich nicht mit anderen Musikern vergleichen. Denn in dem Lied „Das bin ich“ verarbeitet sie ihre Geschichte. Ihr Leben mit der Krankheit Multiple Sklerose. Die chronische Nervenkrankheit verläuft in Schüben. „Ich weiß nicht, wie es mir morgen geht, oder in drei Wochen“, sagt sie. Deshalb macht die 43-Jährige nur noch das, was sie glücklich macht. Und das „Gnadenlos“, wie einer ihrer Songs heißt.

Sie hat ihr komplettes Leben umgekrempelt. Gab ihren Bürojob auf. Kündigte ihre Wohnung. Sie will frei sein. Und das kann sie – im Wohnwagen. „Weil ich jederzeit gehen kann“, sagt sie. Seit fünf Jahren besitzt sie nur das, was sie wirklich braucht. Dazu gehört ein Mikrofon ebenso wie ihre Hündin Jamie.

Das Allgäu hat die Würzburgerin wegen der Lage gewählt: nah an München und doch mitten auf dem Land. Schmidt genießt die Ruhe und die Natur. Sie hilft ihr beim Schreiben. Als sie in Buchloe ankam, habe sie an verschiedenen Türen geklingelt und gefragt, ob sie mit ihrem Wohnwagen vor dem jeweiligen Haus stehen bleiben darf. Seit vier Jahren steht sie auf einem Grundstück neben den Gleisen, kurz nach dem Buchloer Bahnhof. Im Sommer sitzen Frösche im Vorzelt, im Winter friert auch mal die Zahnbürste fest. Und wenn der Zug vorbeirauscht, wackelt ihr Wohnwagen ein bisschen. Aber wenn auf dem Dach der Regen prasselt und sie in die Ferne blickt, weiß sie: Sie will genauso leben. 

Ein schwarzes Tuch bändigt ihre blonden Locken. Lachfalten zeichnen ihre Augen. Ihre Energie scheint grenzenlos. Die Krankheit ist unsichtbar. „Mal sind die Beine taub, mal sehe ich nicht richtig“, sagt sie. Multiple Sklerose hat 1.000 Gesichter. Und manchmal muss Schmidt ins Krankenhaus, dann hilft nur noch Kortison. In solchen Momenten fällt es auch ihr schwer, positiv zu bleiben, sagt sie: „Es gibt schon Löcher, in die man rein rutscht.“ Sie gibt sich dann selbst einen „Arschtritt“, sagt sie.

Im Endeffekt zählt für sie nämlich nur eines – glücklich sein, und das heißt: singen. „Es ist mein Ventil“, sagt sie. 

Ihren Lebensunterhalt bestreitet die Künstlerin als Profisängerin mit Covermusik, beispielsweise auf Hochzeiten: als Soloakt, oder im Duo unter dem Namen Schmidtreissend (Bineonstage). Doch ihre Liebe gilt dem Retro-Soulpop, den sie unter ihrem Künstlernamen Lee’Oh aufnimmt.

Mit ihrem ersten Album „Imma jetzt“ ist ihr beim 36. Deutschen Rock und Pop-Preis einer der ersten drei Plätze für die Kategorien „Bestes Weltmusikalbum“ und „Kulturpreis für die Förderung der Rock- und Popmusik in Deutschland“ bereits sicher. Obendrauf wurde sie für den „Deutschen Singer-Songwriter Preis" nominiert. Der deutschlandweit älteste und erfolgreichste, gemeinnützige Nachwuchspreis wird am 8. Dezember in der Siegerlandhalle in Siegen verliehen.

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