Stammtisch in Durach
28.01.2018 Sehen & Hören

Diese Männer schafkopfen seit 38 Jahren in derselben Besetzung. Bis unsere Reporterin kommt

Du glaubst Männer können nicht multitasken und sie reden nicht viel? Weit gefehlt! Du musst sie nur am passenden Ort treffen: Ich, die allgaeu.life-Reporterin, besuchte einen Schafkopf-Stammtisch in Durach (Oberallgäu)! Und ich merkte schnell:  Männern können - gleichzeitig! - reden, rechnen, denken und spielen. Naja, und bei Bedarf werden sie auch zu Lehrmeistern.

"Wir spielen noch mit Fünferle", erklärt Georg Bessler (66), während die anderen vier die bunten Kächelchen verteilen und ihre Geldbeutel zücken. Richard Haberstock (59) sitzt ihm gegenüber und wickelt die Schafkopf-Spielkarten aus dem Cellophan-Papier. Mischen. Abheben. Austeilen. Dann geht's im typischen Schafkopf-Jargon hin und her:

"Weg."
"Weiter."
"Spiele."
"Einen." (Also Wenz) Nicken. Laub liegt. Farbe angeben. Unter sticht. Karten einholen. Herz-Ass liegt. Farbe angeben. Abspatzen. Karten umdrehen - ausspielen - einholen. "Schneider." Münzen zählen und über den Tisch schieben.

Georg mischt die Karten. Abheben. Austeilen. Ansagen.

"Angezettelt hat das der Bessler", sagt Georg Kögel (62), den sie Schorsch nennen, und meint damit ihre Schafkopfrunde. Wie immer sitzt er an der Stirnseite. Rechts neben ihm sitzt Michel Vogler (64) und links von ihm, Anton Blanz (64).

Lächeln beim zahlen

Neues Spiel. Rufen. Suchen. Stechen. Schmieren. Schwarz. "Des fängt ja gut an", ärgert sich Richard und langt sich an den Kopf. Sein Team konnte keinen Stich machen. Die anderen dagegen hatten alle vier Laufende... "Vier und nicht, verziahg's da's Gsicht", sagt Georg und rät: "Allat Lacha beim zahla." Richard zählt 35 Cent aus dem schwarzen Kächelchen und schiebt sie zu Georg. 

Karten mischen. Austeilen.

Wie jedes Mal sitzt Michel auf der Bank links neben Georg. Er schaut auf den Fächer Karten in seiner Hand: "Spiele. Blau ist Trumpf." Nicken. Auf geht's. Karten gleiten über den Tisch.

Gekannt haben die fünf sich sozusagen immer schon. Wie es halt so ist auf dem Dorf. Und seit Jahren setzen sie sich zusammen: Alle zwei Wochen - jeden Freitag. Immer vier Stunden. Im Winter ab sieben, im Sommer ab acht Uhr. 

Geld rutscht über den Tisch und scheppert im neuen Kächelchen. Karten werden gemischt. Abgehoben. Ausgeteilt. "Weg" - "Ja, weit weg." - "Spiele." Nicken. "Mit dr Bumple." Trumpf raus. Stechen. Runter stechen. "I hau recht." Karten einholen. Trumpf ziehen. Schmieren. Weiter gehts. Sau suchen. Stechen. Augen zählen - zahlen. Neues Spiel.

Den Gewinn gemeinsam auf den Kopf hauen

"Wir sind ein eingeschworenes Team, da spielt koi anderer mit", sagt Georg Bessler (66) entschieden. Neben ihm liegt ein altes, rotes Fotoalbum: Karter-Club "Spieltrieb". Gegründet 1980. Erinnerungen an ihre Ausflüge, denn die fünf haben eine besondere Tradition: Etwa ein Drittel des Gewinns, etwa bei einem Solo, fließen in die Gemeinschaftskasse.

Der hellrosa Lack der metallenen Geldkassette, ist an vielen Stellen schon abgeplatzt. "400 Euro kommen gwies zam im Johr", schätzt Richard - der Kassier der Gruppe. Mit dem erspielten Gewinn finanzieren sie die jährlichen Trips. Nach Hintertux zum Skifahren, oder nach Berlin, erzählt Georg. Aber das war schon länger her. Da stand die Mauer noch.

"Mit der Oiden." Rufen. Suchen. Angeben. Schmieren. Der Verlierer zahlt.

Neues Spiel. "Jetza Toni komm", ruft Schorsch und haut auf den Tisch. Die Kächelchen springen. Die Münzen scheppern. "Die goht durch", freut er sich. Mit einem Stich zwei Assen und eine 10. Also Schneider. Weiter gehts. 

Ich darf mit den Profis spielen

"Mir sind mit Schafkopfen aufgewachsen", sagt Anton und erzählt, dass sie das schon bei der Christlichen Arbeiterjugend gespielt haben. Und natürlich zuhause. Da hat er als Bub den Großen über die Schulter geschaut. Anton schiebt mir sein rotes Kächelchen hin. "So jetzt spielst mal mit, Birgit."

"Hasch abghebt?" Klar. Austeilen. Ansagen. Spielen. "Lass amal den letzten sehen", sagt Richard und dreht meine Karten um. Weiter gehts. Nur viiieeeel laaaangsamer als vorher. 

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An diesem Abend wird, bis zum letzten Blatt, zu sechst gespielt. Für mich, ihren Lehrling - wie sie sagen, werden sie ihr Tempo raus nehmen und mir über die Schulter schauen. Während ich aufmerksam auf die Karten achte, bringen sich die fünf ganz nebenbei auf Stand; reden weiterhin über alles, was die vergangenen zwei Wochen so passiert ist, erinnern sich an vergangene Abende, Ausflüge und an all Schabernack, den sie schon angestellt haben.

Ich mische - Richard hebt ab. Ich teile die Karten aus und frage Anton: "Was würdest du tun?" Er wirft einen kurzen Blick auf die Karten seines Lehrlings und gibt sie zurück. "Spiel mit der Oiden. Guat. Jetzt nimmst den König. Jetzt nachziehen" - mit nur einem Blick, kennt er meine Karten fast besser als ich. Und ICH halte sie in der Hand. Denn Schafkopf ist mehr als nur ein Spiel: es schult das fotografische Gedächtnis, trainiert Kopfrechnen und vereint Strategie und Geschick. 

Aber zurück zu den Karten, volle Konzentration, denn weiter gehts. Neues Spiel. Schell ist Trumpf. 

Wenn Du Schafkopf spielen lernen möchtest: Es gibt in Kempten den Kurs Schafkopf mit Freunden an der Volkshochschule.
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