Hilfe, die ankommt
20.12.2017 Land & Leute

Diese gute Stube braucht uns alle: allgaeu.life in der Wärmestube Kempten

Warst Du schon einmal in einer Wärmestube? Nein? Wir auch nicht. Doch warum eigentlich nicht? Weil wir es nicht nötig haben? Mag sein. Aber vielleicht kann man es auch anders sehen: Die Menschen, die dort ein- und ausgehen, brauchen uns. allgaeu.life hat sich ihre Geschichten bei einem gemeinsamen Mittagessen in der BRK Wärmestube Kempten angehört und sie nach ihren Weihnachtswünschen befragt.

Der erste Besuch kostet etwas Überwindung. Was denken wohl Bekannte, wenn sie mich in die Wärmestube gehen sehen?

Genau diese Scham empfinden auch einige Besucher, die schon viele Jahre Stammgäste sind. "Ihr könnt gerne mit mir sprechen. Aber bitte fotografiert mich nicht", sagen sie. "Meine Familie soll nicht wissen, dass ich hierherkomme."  

Was sofort auffällt: Nur die wenigsten unter den Gästen sind Obdachlose, wie man das klischeemäßig erwarten würde. Statt dessen haben viele ältere Menschen an den Tischen Platz genommen. Menschen, die 30, 40 Jahre lang als Handwerker oder in der Gastronomie gearbeitet haben. Die jetzt nicht mehr anpacken können wie früher und denen jetzt das Geld knapp wird.  "Ich erhalte nur vier hundert Euro Rente. Wie soll ich davon leben?", erzählt einer von ihnen. "Das reicht hinten und vorne nicht. Da ist man froh, dass es so ein Angebot wie die Wärmestube gibt."

Auch Helmut wüsste nicht wohin, wenn es die Wärmestube nicht gebe. Der Vater von drei Kindern leidet noch heute an den Folgen eines dramatischen Verkehrsunfalls. Am 23. Mai 1992 ist er auf dem Motorrad unterwegs, als ihm ein Autofahrer die Vorfahrt nimmt. Helmut überlebt schwer verletzt.

Nach sechs Wochen im Koma und diversen OPs steht fest: Er wird nie mehr in seinen angestammten Beruf als Schreiner arbeiten können. Der Unfallrentner hat drei Kinder, eines davon ist behindert, wie er erzählt. Das Geld sitzt knapp. Die Träume sind zerplatzt. So schnell gerät ein Leben aus den Fugen.


Halt gibt Helmut die Wärmestube. Er kommt gerne hierher. Nicht nur wegen des guten Essens, das die teils ehrenamtlichen Mitarbeiter kochen. Pro Tag sind es um die 35 Portionen. "Man finde immer jemand, mit dem man sich unterhalten und Spaß haben kann", sagt er. Dem stimmt seine blinde Tischnachbarin zu. "Zuhause würde mir sonst die Decke auf den Kopf fallen."

Erst recht an Heiligabend, wenn man alleinstehend ist. Dann rücken die Gäste in der Wärmestube bei Wollwürsten und Kartoffelsalat noch ein Stückchen enger zusammen. "Wir haben zu 90 Prozent Stammgäste. Die Besucher kennen sich und kümmern sich umeinander. Da ist eine richtige Gemeinschaft entstanden. Deshalb ist Weihnachten für uns ein Tag wie jeder andere", sagt die Wärmestube-Leiterin Viola Heß.

Anders ist rund um Weihnachten freilich das gestiegene Interesse an der Insitution. Da kommt es schon mal vor, dass private Wohltäter Christstollen oder Plätzchen vorbeibringen. "Das freut uns natürlich" sagt Viola Heß, aber damit könne die Wärmestube keinen sinnvollen Essensplan aufstellen. "Wer uns wirklich etwas Gutes tun will, soll bitte nicht 30 Packen Zucker kaufen, sondern lieber fünf Euro vorbei bringen", meint Heß. "Wir brauchen im Jahr zirka 25.000 Euro spenden, um den Betrieb am Laufen zu halten." Wer meint uns zu brauchen, der ist bei uns richtig. 


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