Bauernbewegung per Whatsapp
10.01.2020 Land & Leute

Deutschlanweite Protestaktionen: Wer steckt hinter "Land schafft Verbindung"?

Die Bauernbewegung "Land schafft Verbindung" sorgt deutschlandweit mit Protestaktionen für Schlagzeilen. Beispielsweise bei der großen Schlepperdemo zuletzt in Memmingen. Wie die Bewegung entstanden ist und welche Rolle Whatsapp dabei gespielt hat, erfuhr unser Reporter bei einem Ortstermin in Legau.

Der Kachelofen sorgt in der Stube des Bauernhauses außerhalb von Legau (Unterallgäu) für angenehme Wärme.  Doch so ruhig ist es nicht immer. "Über die Feiertage hat meine Freundin mir das Handy weggenommen. Irgendwann muss man auch mal abschalten", erzählt Norbert Riefer.

Die anderen drei nicken zustimmend. Sie alle arbeiten als Landwirte und sie alle gehören zu dem Team, das die Schlepperdemo in Memmingen mit 3000 Traktoren und 4500 Teilnehmern organisiert hat. Neben Riefer sind das Steffi und Christoph Egger aus Langerringen (Kreis Augsburg) und Andreas Schmid aus dem Ostallgäuer Weicht (Gemeinde Jengen). Die Bewegung, die die Vier zusammengeführt hat und mit deren Namen sie vor allem in den sozialen Netzwerken für eine Teilnahme in Memmingen geworben hatten, ist "Land schafft Verbindung" (LSV). Die Organisation demonstrierte jetzt auch in Seeon bei der Klausur der CSU-Landesgruppe.

In Google-Suchanfragen tauchte "Land schafft Verbindung" bis vor wenigen Monaten gar nicht auf. Erst Ende September verzeichnete die Seite die ersten Suchanfragen. Deren Zahl stieg immer dann schlagartig an, wenn die Landwirte mit ihren Schleppern demonstrierten. Ihren Ursprung hat "Land schafft Verbindung" in der gleichnamigen Facebook-Gruppe.

Diese hat wohl die niedersächsische Landwirtin Maike Schulz-Broers am 5. Oktober vergangenen Jahres gegründet. Bis heute haben etwa 29 000 Menschen bei der Gruppe auf "Gefällt mir" gedrückt. Ein Großteil des Informationsaustauschs findet aber auf einem anderen sozialen Netzwerk statt: dem Kurznachrichtendienst Whatsapp. Auf der Internetseite der Bewegung heißt es, dass etwa 100 000 Menschen in verschiedenen Gruppen organisiert seien.

Auch die Landwirte in der Legauer Stube gehören einigen dieser Gruppen an. "Zuerst gab es eine für Bayern. Als die voll war, hat man weitere für die Regierungsbezirke gegründet", erzählt Schmid. Inzwischen gebe es drei bis vier Gruppen allein für das Allgäu. Auf Whatsapp schrieb Norbert Riefer auch, dass die bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber Anfang Dezember nach Memmingen komme und ob man dort nicht eine Demo veranstalten wolle.

"Dann hat sich ein Team gebildet. Sieben bis acht Leute, größer waren wir nicht", sagt Schmid. Diese Gruppe traf sich in Mindelheim, um Ort, Inhalt und Ablauf der Demo zu planen. "So wie sich bei uns ein Kreis gebildet hat, hat sich auch ein Gremium auf Bayernebene entwickelt", ergänzt Steffi Egger. Auf der LSV-Website sind sowohl für Deutschland als auch für einzelne Bundesländer Vorstände, Stellvertreter und "Ratsmitglieder" aufgeführt. Philipp Jans ist Sprecher für Schwaben. Die LSV-Bewegung sei aber weder Verband noch Verein und habe auch "keine finanziellen Strukturen", sagt der Illertissener.

Was die Bauern fordern
Auf ihrer Internetseite nennt "Land schafft Verbindung" 14 Ziele der Bewegung. Einige davon sind:
+ Die Gesellschaft soll mehr Umwelt- und Tierschutz finanziell mittragen.
+ Es sollen auch die Gründe des Insektensterbens erforscht werden, die nicht landwirtschaftlich bedingt sind. LSV nennt etwa LED-Lampen und Mobilfunknetze (UMTS).
+ Bei Nitrat-Messstellen soll zwischen landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen Verursachern unterschieden werden.
+ Eine Kennzeichnung von importierte nLebensmitteln, die nicht deutschem Standard entsprechen.
+ Weniger Bürokratie für Landwirte.
+ Grundsätzlich solle wieder mehr mit Landwirten geredet werden - statt über sie.

Interessengemeinschaften für Landwirte gebe es schließlich schon einige - und zu denen wolle man keine Konkurrenz aufbauen, betont Jans. Die größte landwirtschaftliche Berufsvertretung ist der Deutsche Bauernverband. In Bayern hat er nach eigener Aussage etwa 145 000 Mitglieder. Im Unterallgäu ist Helmut Mader Geschäftsführer des Verbands. "Wir müssen zugeben, dass es uns nicht mehr gelingt, die Massen zu mobilisieren", sagt er. LSV schaffe dies und sei deshalb so wichtig. Die Bewegung sei aber keine Konkurrenz: "Mit großen Massen kann man mehr Druck auf die Politik ausüben. Das stärkt insgesamt den Berufsstand."

Zu den Demonstrationen kämen so viele Menschen, weil LSV neutral sei, ist Steffi Egger überzeugt. An den Demonstrationen nehmen also auch Landwirte teil, die sich von einigen Verbänden nicht vertreten fühlen. Riefer, der Ortsobmann des Bauernverbands Legau ist, spricht von "verhärteten Fronten". Er habe deshalb vor der Memminger Demo zu Bauernverband und Bundesverband Deutscher Milchviehhalter gesagt, "sie sollen die Flaggen unten lassen".

Komplett unabhängig von den Verbänden arbeitet LSV jedoch nicht. "Ohne deren Verbindungen wären wir nicht an Michaela Kaniber rangekommen", sagt etwa Riefer. "Wenn wir uns die Kanäle selber aufbauen, sind wir in fünf Jahren noch nicht so weit", weiß auch Steffi Egger. Ihr Mann Christoph ergänzt mit Blick auf die Probleme des Berufsstandes: "Und diese Zeit haben wir nicht."

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