Deine Daten im Netz
05.05.2017 Wissen & Quizzen

Der Feind hört immer mit! Zumindest mal Google

43727333
Nach Grillwürschteln gegoogelt und auf Facebook Werbung für die neusten Gasgrills bekommen? Das ist datentechnisch ja Kinderkram! Warum Du sogar wegen Deines Surfverhaltens einen teuren Kredit bekommen könntest - oder beim Online-Shoppen mehr blechst, liest Du in unserem Archiv-Beitrag. Experte Ernst Schulten verrät Dir, wie Du Dich gegen die Datensammelwut wehren kannst. 

Als Reporter kommt man manchmal in Erklärungsnot: Für einen Artikel (!) recherchierte (!!) ich kürzlich zum Thema Sex-Spielzeuge. Dass ich beim Surfen auf meinem Dienstrechner also bald Werbung für Dildos und Pornos eingeblendet bekam (Hallo, liebes EDV-Team), wunderte mich nicht wirklich. Mehr schon, dass die Schmuddel-Promo auch auf mein heimisches Tablet übertragen wurde und dort meine Amazon-shoppende Frau überraschte. Das könnte Sie auch interessieren... höhö, jaja. 

"Was die großen Internet-Konzerne heute schon über uns wissen, ist wirklich gruselig und kaum vorstellbar - wenn man mal darüber nachdenkt", erzählt Ernst Schulten. Der 43-Jährige lehrt an der Hochschule Aschaffenburg und reist jährlich zu hunderten (launigen) Vorträgen zum komplexen Thema Datenverarbeitung und 'Webhygiene'. Letztes Jahr um diese Zeit war er an der Kemptener Hochschule zu Gast. 

Worum geht's? 

Fast jede Internetseite, die Du besuchst, sammelt Deine Daten. Wie Du surfst, worauf Du klickst, was Du spannend findest. Mithilfe von kleinen Programmen (Cookies und Trackern) tauschen sich große Dienste aus und entwerfen ein 'Bild' von Deinem Online-Ich. Was mindestens mal unangenehm werden kann. "Ich will die Leute aufrütteln", sagt Ernst Schulten. Und das funktioniert bekanntlich dann am Besten, wenn es an die Geldbörse, sorry, Paypal-Wallet, geht. 

Das Einkaufen: 

Shoppen im Internet macht ja so semi-viel Spaß. Überflutet alleine vom Angebot, von tausenden Blitz-Schnäppchen und Super-Deals, vergleichen wir die Preise gar nicht mehr effektiv - und wenn doch, dann ändert der sich auch noch regelmäßig! "Das ist natürlich so gewollt. Je weniger transparent, desto besser für das Unternehmen", sagt Schulten.

Egal ob beim Einkauf oder bei der Hotelbuchung - der Preis für einen einzelnen Posten kann täglich bis zu 100 Mal rotieren. Und das nicht nur nach Tageszeit: Kaufst Du zum Beispiel von einem Tablet, statt von einem PC, kann es saubere Aufschläge geben. Klar - wer sich ein Tablet leistet, kann ja leicht die paar Oecken mehr löhnen. 

"Selbst auf wievielen Geräten sich der User einloggt und wie teuer diese sind, checken die Online-Händler - und schrauben am Preis", sagt Schulten. Also die nächste Online-Reise mit dem fünf Jahre alten Billig-Smartphone buchen? Könnte günstiger werden, meint der Fachmann. 

Der Kredit: 

Wer sich heute einen reinen Online-Kredit (also so ganz ohne Schalter) clickt, der kann fast sicher sein, dass Nutzerdaten darüber entscheiden, wie teuer die Rückzahlung wird. Das beste Beispiel (oder schlimmste, wie man es nimmt) dafür ist das Unternehmen Kreditech. Aus Millionen von Daten errechnen die Computer des Startups das ‚Online-Ich‘ des möglichen Schuldners.

"Selbst die installierten Schriftarten (!) oder die richtigen (oder eben falschen) Facebook-Freunde, entscheiden über die Kreditvergabe", sagt Ernst Schulten. Moment – Schriftarten? Ja: Kreditech hat festgestellt, dass eine bestimmte Schriftart besonders häufig von Online-Casinos verwendet wird…

„Das Bild vom gläsernen Kunden ist ja beinahe etwas überstrapaziert“, sagt Schulten. „Es stimmt aber leider.“

Das Programm: 

Wer sich ein bisschen gruseln möchte, muss nicht gleich den neuen Steven King lesen oder mit der Steuererklärung anfangen: Einfach nur das Firefox-Addon Lightbeam intallieren - und staunen. "Lightbeam zeigt dem User, wie die sich die Tracker miteinander 'unterhalten' und wo welche Daten landen", erzählt Ernst Schulten.

Tatsache: Ich als normaler Nutzer muss nur vier Websiten aufrufen und meine Google-Suchanfragen landen - zumindest in der Theorie - auch bei Amazon. (Siehe Bild rechts) 

Der Ausblick: 

"Die Welt wird immer weiter vernetzt. Durch intelligente Geräte liefern wir Milliarden an zusätzlichen Daten - und passen nicht darauf auf", meint Experte Schulten. Schon jetzt gäbe es Versicherungstarife für Fahranfänger, die Anhand einer Smartphone-App das Fahrverhalten analysieren.

Das ist zwar erst mal schön für den jungen Kunden (die Tarife sind einige Euronen günstiger...), würde aber den Weg für auch negative Bewertungen ebnen, erzählt er. Na, na, na, die Ampel war aber aber schon eher dunkelgelb... *Zing* Strafzahlung. 

Spätestens, wenn Dein Fitness-Armband per GPS merkt, dass Du schon wieder bei diesem geilen Burgerladen warst, und Dich Deine Krankenkasse zum Body-Fat-Check zur Tarifanpassung auffordert, macht die neue Internet-Welt nicht mehr so viel Spaß. "So ein Beispiel ist zwar noch Zukunftsmusik. Ich bin mir aber sicher, dass wir uns in diese Richtung entwickeln", sagt Schulten. 

Der Schutz: 

"Alleine schon, dass das Wort 'googeln' in den Duden aufgenommen worden ist, nervt mich gewaltig", sagt Schulten. Es steht als Synonym für 'Im Internet suchen'. Google ist aber - neben Microsoft und Amazon - auch einer der größte Datensammler überhaupt. "Wer einigermaßen anonym im Netz sein will, sollte sich ein zweites Online-Ich basteln und Datenkraken meiden".

Statt der Google-Suche könne man zum Beispiel auf duckduckgo ausweichen und auch seinen Mail-Provider sollte man gut wählen. Die Privatsphäre-Einstellungen seiner installierten Apps sollte man regelmäßig überprüfen - und WhatsApp möglichst gar nicht verwenden.

"Es gibt für viele Programme und Apps gute und sichere Alternativen. (Für WhatsApp zum Beispiel Telegram) Nur sind wir einfach bequem. Und sich abzusichern macht Arbeit - immer und immer wieder", gibt Schulten zu. Auf seiner Website Webhygiene gibt er noch weitere Tipps. "Am wichtigsten ist aber, dass sich die Internetuser bewusst machen, wo sie ihre Spuren hinterlassen und mit ihrem Online-Ich sorgsam umgehen." 

Weitere Artikel