20 Tote vor über 65 Jahren
19.01.2018 Land & Leute

Das weiße Grab im Kleinwalsertal: Zeitzeuge erinnert sich an das größte Lawinenunglück in unserer Region

Die vielen Lawinenabgänge der vergangenen Tage im Alpenraum wecken die Erinnerung bei Detlef Willand. Der 82-Jährige ist einer der letzten Zeitzeugen der größten Lawinenkatastrophe in unserer Region, bei der 20 Menschen im Kleinwalsertal starben.

Schneestürme peitschen über die Region und legen das öffentliche Leben weitgehend lahm: Der Winter 1952 gilt bis heute als der heftigste im Alpenraum. Tagelang schneit es im Allgäu und dem angrenzenden Kleinwalsertal in Österreich. Dicht, kalt und ohne Pausen. Mit wachsender Sorge verfolgen die Menschen in den Häusern und Hütten das winterliche Inferno. Gefahr ist im Verzug. 

Detlef Willand, damals 16 Jahre alt, spürt es in jener verhängnisvollen Nacht zum Montag, den 11. Februar, ganz deutlich. "In der Magengrube hatte ich seit Stunden dieses Kribbeln, das sich bei solchen dichten, fast stillen Schneefällen einstellte, wenn der Tod hinter den Häusern und den Ställen herumschleicht", erinnert sich Künstler aus dem Kleinwalsertal.

Nachts gegen 2.30 Uhr hört er das Telefon klingeln. Bergwachtleiter Gottlieb Kessler ruft bei den Willands an. Vater und Sohn sollten sich bereit halten, eine Lawine sei über der Melköde im Schwarzwassertal, unterhalb des Hohen Ifen abgegangen. Noch wisse man nichts Genaueres. Die Bergwacht könne noch nicht ausrücken. Sie hat alle Hände voll zu tun, um drei Hotels am Gehrenhang zu evakuieren, wo Lawinen befürchtet werden.

Gegen 4.30 Uhr ist die Lage im Ort weitgehend unter Kontrolle. Nun folgt der zweite Anruf bei den Willands mit dem Kommando: "Aufbruch zur Melköde!" Detlef Willand und sein Vater machen sich in der Dämmerung auf den Weg. Aus der Nachbarschaft gesellen sich einzelne Männer mit Schaufeln zu ihnen. Fast niemand spricht auf dem Fußmarsch ins Ungewisse. 

Im Schwarzwassertal werden sie von Vorboten der Lawinen-Hölle erschreckt: Menschen mit gepackten Rucksäcken stürmen ihnen entgegen. Die Augen weit aufgerissen. Es sind Skitouristen aus einer unversehrt gebliebenen Hütte der Melköde. "Sie flohen als wäre der Teufel hinter ihnen her", sagt Wieland.

Wenige Minuten später erkennt der Helfer-Trupp den Grund für die Panik. Eine Lawine hat die Melköde, einen 1.343 Meter hoch gelegenen Weiler mit einer handvoll Hütten, in einen Ort des Schreckens verwandelt. Drei Hütten sind verschüttet, am schlimmsten hat es die aus Sicht der Ankömmlinge mittlere auf der rechten Seite erwischt. Sie ist nur noch ein Krater und Schauplatz eines erschütternden Chaos' "aus Balken, Brettern, Schnee, zerfetzten Matratzen, geplatzten Koffern, suchenden, grabenden Menschen", wie sich Willand erinnert. 

Der Tod kam leise und hinterhältig. Die Helfer finden 19 leblose Körper im Schlafanzug oder Nachthemd (eine weitere Person wird später im Krankenhaus sterben). Die meisten von ihnen sind junge Menschen. Studenten aus mehreren deutschen Städten, die am Tag zuvor angereist waren, um einen preisgünstigen Ski-Urlaub zu verbringen.  Zu den Todesopfern gehören Hüttenwirt Engelbert Tauser, seine Frau Anna und deren zweijährige Tochter. Die Familie lag "dicht nebeneinander", schreibt die Heimatzeitung "Der Walser". Ihr Fund treibt selbst den erfahrensten unter den Rettungsmännern Tränen in die Augen. Das tote Kind hat noch seinen Schnuller im Mund.

Die Helfer schuften bis an die Grenze der Erschöpfung. 30 Personen können, teils mit schweren Verletzungen, lebend geborgen werden. Auf Hörnerschlitten werden sie abtransportiert. Als es auf Mittag zu geht, erhalten Detlef Willand und ein weiterer junger Bursche die Order, die ersten Toten zur Auenhütte zu bringen. Man legt ihnen zwei verunglückte Frauen auf den Schlitten, bedeckt sie notdürftig mit einer Wolldecke. "Immer wieder brach uns der Schlitten mit den Kufen ein und wir hatten die größte Mühe, ihn wieder herauszuziehen", schildert Willand die gespenstische Fahrt.

An der Auenhütte wartet die nächste Herausforderung: eine Menschenmasse, teils mit gezückten Fotoapparaten, starrte ihnen entgegen. Gaffer, wie man heute sagen würde. Detlef Willand begegnet ihnen mit dem Zorn eines Jugendlichen: Er fährt mit hohem Tempo in den Haufen. Die Menschen springen erschrocken beiseite. "Mir war zum Heulen. Aber ich hielt die Tränen zurück. Ich fuhr mit trotzig gerecktem Kinn auf Skiern nach Hause", erzählt Willand. 

Von der Auenhütte werden die Leichen auf Pferdefuhrwerken ins Rathaus gebracht. "Es war ein erschütternder Anblick", schreibt "Der Walser." Unter größten Anstrengungen können die Toten identifiziert werden und in den darauffolgenden Tagen auf Wunsch der Angehörigen in ihre Heimatorte überführt werden.

Später untersuchen Fachleute, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Willand erinnert sich an eine mögliche Antwort. Eine Schneise im Wald oberhalb der Hütte hat demnach die Katastrophe begünstigt. Diese Lücke klaffte seit geraumer Zeit. Forstarbeiter hatten ein Mottfeuer entzündet, das einen kleinen Waldbrand auslöste.

Die verheerenden Folgen für den Winter: Kein Baum, kein Strauch vermochte die Wucht der Schneemassen an dieser Stelle einzudämmen. Mit 200 Stundenkilometern raste die 150 Meter breite Lawine, die sich 800 Meter oberhalb gelöst hatte, auf die Melköde zu.

Aus der Idylle wird ein Inferno.

Detlef Willand wird den Anblick nie vergessen. Das weiße Grab der Melköde bleibt auf ewig mit der Geschichte des Kleinwalsertals verbunden. 

Quellenangaben: Allgäuer Zeitung, "Ein Leben lässt sich nicht erzählen" von Detlef Willand, Naturgewalten im Kleinwalsertal zusammengestellt von Stefan Heim.   


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