Prost Rosi und Gerlinde!
11.09.2019 Land & Leute

Darauf a Schnäpsle! Diese beiden Schwestern bewirtschaften seit 33 Jahren eine Allgäuer Alpe

Diese beiden Schwestern gehen durch dick und dünn. Sie packen an wie Männer, können sich immer auf einander verlassen - und genießen gemeinsam die Freiheit am Berg.  Seit 33 Jahren betreiben Rosi (53) und Gerlinde (50) Lackner die Alpe Schwanden auf 1258 Höhe am Mittagberg bei Immenstadt. Beim Besuch des allgaeu.life-Reporters wird die Schnapszahl standesgemäß gefeiert.

"Prost! Auf einen erfolgreichen Alpsommer." Rosi (53) und Gerlinde (50) Lackner stoßen mit einem Gläsle Obstbrand auf der Bierbank von Hüttennachbar Sebi an. Die beiden Schwestern feiern eine Schnapszahl: Heuer haben sie ihren 33. Sommer auf der Alpe Schwanden am Mittag verbracht! "Es ist unglaublich, wie schnell die Monate hier oben immer verfliegen. Deswegen können wir die Zahl selbst kaum glauben", sagen die beiden eingeschworenen Älplerinnen.

In wenigen Tagen werden sie beim Viehscheid Immenstadt (Samstag, 21. September) mit 66 Schumpen ins Tal zurückkehren. Vorne weg wird ein festlich geschmücktes Kranzrind marschieren, das allen Besuchern zu erkennen gibt: Die Lackners haben alle Tiere, die ihnen insgesamt sieben Landwirte anvertraut haben, gesund durch die "Sommerfrische" in der Höhe gebracht. Das macht die beiden stolz. Es beweist, dass sie umsichtig und gewissenhaft arbeiten. In diesem Sommer unter besonderen Bedingungen. Denn die alte Schwanden Alpe, in der die Schwestern jeden Winkel kannten, wurde im Herbst des Vorjahres vom Eigentümer, der Raiffeisenbank Kempten-Oberallgäu, abgerissen. Die Arbeiten am stattlichen Neubau sind noch nicht abgeschlossen. 

Die Lackners, die im Sommer als Pächterinnen die Alpe bewirtschaften, schlafen deshalb ein paar Hundert Meter weiter in einem Hüttle, das dem Betreiber der Mittaglifte gehört. Die Umstellung machte ihnen nichts aus. Sie sind von Natur aus offen. Deshalb freuen sie sich auch auf die Fertigstellung des Neubaus: "Als Berglar oder Berglarin muss man immer flexibel sein." Das sind die beiden auch bei der täglichen Arbeit. Statt auf "Spezialistentum" setzen sie auf "Rotationsprinzip", wie man in den Firmen drunten im Tal sagen würde. Bei den Lackners heißt es schlicht: "Heut mach i, morgen sie." Sie wechseln sich bei allen Arbeiten ab. Und zu tun gibt es genug auf der 34 Hektar großen Fläche: das Vieh hüten, zäunen, melken oder schwenden (säubern der Almflächen von Büschen oder Unkräutern). Dazu kommen Ausschank und Bewirtung: Brotzeitplatten werden hergerichtet, Kuchen gebacken und die Gäste bei Laune gehalten. Die Alpe Schwanden gehört dem Verein Allgäuer Alpgenuss an, dessen Mitglieder ausschließlich regionale und selbsthergestellte Produkte auf den Alpen anbieten. 

Die Arbeit auf der Alpe hat sich stark verändert in den vergangenen drei Jahrzehnten. "Der Tourismus am Mittag ist viel größer als früher", sagt Rosi Lackner. Im heißen Sommer 2018 kam es vor, dass Gäste schon um 6 Uhr morgens an der Hütte klopften und nach Kaffee und Frühstück fragten: Um der Hitze zuvorzukommen, waren sie  schon in der Morgendämmerung mit dem Elektrofahrrad aufgebrochen.

Für E- und Mountainbiker ist die Tour zur Alpe gut zu bewältigen. Sie führt teils auf festem Schotterweg, teils auf Teerstraße. Kaum einer kann sich vorstellen, dass es diesen Weg früher nicht gegeben hat. Die Lackner-Schwestern erinnern sich dagegen noch gut an Zeiten, als sie ihr Hab und Gut für den Alpsommer nicht bequem mit dem Auto vor die Hüttentüre liefern konnten. "Bis Mitte der 90er Jahre haben wir alle Sachen im Sessellift nach oben transportiert. Vom Gipfel ging es dann mit vollbepackten Rössern oder Schlitten zur Alpe." 

Anfangs standen die beiden Schwestern, die zu den ganz wenigen Älplerinnen im Alpenraum gehören, unter besonderer Beobachtung, erinnern sie sich schmunzelnd. Ob diese Frauenwirtschaft im Gebirge wohl gut geht?, fragten sich die Allgäuer Berglar. Klar: Rosi und Gerlinde, damals 20 und 17 Jahre alt, hatten ihre Kindheit auf dem elterlichen Hof verbracht und darüber hinaus als Jugendliche schon einige Erfahrung als Kleinhirtinnen gesammelt. Auch der vielzitierte "Älper-Virus" lag ihnen im Blut: Schon der Großvater und die Mutter zog es im Sommer auf Alpen. Doch ob zwei Frauen alleine der harten Arbeit und der Abgeschiedenheit fernab vom nächsten Dorf gewachsen waren? Ein bisschen Sorge um seine "Mädels" so ganz allein am Berg hatte ihr Vater. Zum Schutz vor ungebetenen Gästen schickte er ihnen einen Sennhund als Bewacher mit...

Doch dessen Hilfe brauchten die beiden resoluten Frauen zum Glück nie. Wohl aber freuen sie sich, wenn ihre Männer für schwere Arbeiten, beispielsweise beim Sägen, nach oben zur Hilfe kommen. "Wir sind ein eingespieltes Team", sagen die Schwestern. Auch die nächste Generation begeistert sich für die Alpwirtschaft: Gerlindes Töchter (17 und 10) helfen in den Ferien auf der Alpe Schwanden.

Die Liebe zum Vieh und zur Natur scheinen den Lackners in den Genen zu liegen. Und natürlich auch die Faszination für das Leben am Berg: Abends, wenn Wanderer und Biker wieder im Tal sind und die Sesselbahn still steht, dann sitzen Rosi und Gerlinde oft auf einem Bänkle und schauen auf die umliegenden Gipfel sowie die Seen und Orte im Tal. In solchen Momenten hoffen sie, noch mindestens 33 weitere Jahre an diesem wunderschönen Flecken Erde verbringen zu dürfen.           

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