Neue Ticket-Idee
11.10.2019 Wissen & Quizzen

Busfahren: Mit 365 Euro im Jahr durch das Ober- und Ostallgäu?

Das Oberallgäu will eigentlich ein Jahresticket für 100 Euro anbieten. Ohne Kempten funktioniert das aber nicht und die Stadt bremst. Jetzt gibt es eine neue Idee: Ein 365-Euro-Ticket, das auch im Ostallgäu gilt. Alles, was Du wissen musst:

Alle reden vom „großen Wurf“ für den Nahverkehr. Im Landkreis Oberallgäu wird an einem Jahresticket mit außerordentlich lukrativen Konditionen gearbeitet: Nur 100 Euro soll es kosten. Für 8. November hat Landrat Anton Klotz eine Sondersitzung des Kreistags einberufen mit dem Ziel, finanzielle Entscheidungen für einen Startschuss am 1. Januar 2020 zu treffen.

Doch daraus wird möglicherweise nichts: Denn ohne Einbindung der Stadt Kempten macht das Ticket aufgrund der vielen Pendler und übergreifenden Buslinien keinen Sinn und die Stadt wird für das kommende Jahr kein Geld einplanen, sagt Oberbürgermeister Thomas Kiechle. Auch er spricht von einem „großen Wurf“, versteht darunter aber etwas anderes, weitreichenderes: ein Jahresticket für das gesamte Netzgebiet der Stadt, des Landkreises Oberallgäu und auch des Landkreises Ostallgäu für 365 Euro. Ob das finanzierbar ist, sei freilich fraglich.

Überall wird versucht, den Menschen den Umstieg vom Auto in Bus und Bahn schmackhaft zu machen. Der Landkreis Ostallgäu und die Stadt Kaufbeuren haben kürzlich ihr Ticketsystem überarbeitet und bieten ein Jahresabo ab 306 Euro an.

Der Oberallgäuer Landrat denkt so revolutionär wie bisher niemand in Bayern: Ein Jahresticket soll für 100 Euro zu haben sein und für sämtliche Strecken im Landkreis mit 787 Haltestellen gelten.

Ein 100-Euro-Ticket ist nicht zu finanzieren, haben die vergangenen Monate Kritiker eingeworfen. Der Landkreis schaltete einen Gutachter ein, der auch für die Stadt Kempten tätig ist. Dieser untersuchte drei Varianten: eine Jahresfahrkarte für 300 Euro, für 200 Euro und für 100 Euro. Die Ergebnisse, sagt Klotz, bestärken ihn beim „großen Wurf“ 100 Euro: Es müsste dauerhaft ein Defizit von einer Million Euro geschultert werden.

Er setzt darauf, dass die Gemeinden zustimmen, über eine Erhöhung der sogenannten Kreisumlage diese Summe zu schultern. Bei der Kreistagssitzung soll dies entschieden werden.

Am Dienstag und Mittwoch warb Klotz bei langen internen Gesprächen um eine Beteiligung der Stadt Kempten. Der Gutachter hatte ihm mit auf den Weg gegeben: Die Stadt müsste 250 000 Euro bei einem gemeinsamen Angebot aufbringen. Doch das reicht nicht. Kemptener Fachleute kommen auf zwei Millionen Euro.

Der Hintergrund: Kempten verlangt für Kinder, deren Schulweg länger als drei Kilometer ist, 23 Euro für ein Monatsticket. Eltern aber für ein Schülerticket 276 Euro pro Jahr bezahlen zu lassen und gleichzeitig ein allgemeines 100-Euro-Ticket anzubieten, gehe nicht. „Und dieses Defizit auf das durch die Verbilligung entstehende draufzusetzen, das ist nicht bezahlbar“, sagt Oberbürgermeister Kiechle auf Anfrage. Zumindest nicht allein aus der Stadtkasse.

Grenzüberschreitende Linien

Auf die Bremse traten die Kemptener bei den Besprechungen auch aus anderem Grund: Viele städtische Linien führen in den Landkreis Ostallgäu hinein, nach Obergünzburg oder Ronsberg beispielsweise.

Beide Seiten verfolgen daher jetzt eine neue Idee: Eine Netzwerkfahrkarte für das gesamte Gebiet der Mobilitätsgesellschaft „Mona“, zu der neben der Stadt Kempten und dem Landkreis Oberallgäu auch der Landkreis Ostallgäu und die Stadt Kaufbeuren gehören.

Von heute auf morgen ist das nicht umzusetzen, war man sich bei den Gesprächen einig. Und sofern es auf ein Ticket für 365 Euro hinausläuft – wie es dieser Tage im Großraum Nürnberg eingeführt wurde – müsse der Freistaat dies bezuschussen. „Wenn Bayern immer davon redet, den Nahverkehr voranbringen zu wollen, muss das drin sein“, sagt der Landrat.

Bis Ende Oktober sollen die Daten und Kosten für solch ein Angebot erhoben werden, fügt Klotz im Hinblick auf die Sondersitzung des Kreistags hinzu.

Denn ganz verabschiedet hat er sich noch nicht vom Plan, zunächst allein für das Oberallgäu das 100-Euro-Ticket zu verwirklichen – sofern die ergänzende Idee sich als Utopie erweist: „Ich bin sicher, auch unser kreisweites Projekt würde viel mehr Menschen in Busse und Züge bringen.“

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