Redaktionsleiter schreibt
24.03.2020 Land & Leute

Brief an...: Liebe Vernünftige und Zweifler

Spaziergang Blender
Der „Brief an ...“ ist eine neue Rubrik der Allgäuer Zeitung. Wir möchten in diesem Format ganz persönlich Menschen loben, tadeln, ihnen Glück wünschen oder sie, wie heute, an die Kraft der Vernunft zu erinnern.

Liebe Allgäuer,

in den vergangenen Tagen hat sich gezeigt: Die meisten Menschen sind vernünftig, halten Abstand und sich an das Gebot, daheim zu bleiben, wenn sie nicht zur Arbeit, zum Lebensmitteleinkauf oder zum Arzt müssen. Die Straßen waren tagsüber so wenig befahren wie zuletzt an den autofreien Sonntagen während der Ölkrise Ende 1973. Auch Spaziergänger und Jogger hielten sich zumeist an die Vorgaben - es ist ja problemlos möglich, der Gesundheit etwas Gutes zu tun und sich trotzdem aus dem Weg zu gehen.

Ja, wir sind in unseren Freiheiten eingeschränkt. Aber die Frage, ob dadurch unsere Demokratie in Gefahr gerät, ist doch in den westlichen Staaten eher akademischer Natur: Als Bürger haben wir gegenüber dem Staat einen Anspruch auf Schutz, den versuchen die Regierungen durch Verfügungen zu erfüllen.

Unsere Freiheitsrechte werden nicht durch Gesetzesänderungen eingeschränkt; und die Einschränkungen haben das Ziel, Leben und Gesundheit anderer zu sichern. Das folgt dem Kant’schen Gedanken, wonach eine Freiheit, die ich für mich in Anspruch nehme, nicht die Freiheit eines anderen bedrohen darf.

Vernunft ist in diesem Sinn eine Einsicht in die Notwendigkeit - in die Notwendigkeit staatlichen Handelns, aber auch darin, dass Beschränkung und Rücksichtnahme andere schützen. Bleibt’s dahoim!

Uli Hagemeier

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