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19.10.2019 Hier & Heute

Bär in Balderschwang gesichtet: Ein Vorbild-, kein Problem-Bär

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„Das ist schon eine kleine Sensation. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Bär im Allgäu auftaucht“, sagt Biologe Henning Werth. Eine Touristin hatte bereits am 1. Oktober im Balderschwanger Tal im Oberallgäu Kotspuren eines Bären fotografiert. Ein Experte hat nun deren Echtheit bestätigt. Lies hier alles, was Du jetzt wissen musst!

Erst der Wolf, dann der Luchs und jetzt der Braunbär: Gleich mehrere große Beutegreifer waren heuer offensichtlich im Allgäu unterwegs. Zuletzt ist ein Braunbär nach Angaben des bayerischen Umweltministeriums durch das Allgäu gewandert. Es gebe aber keine Anzeichen dafür, dass sich das Tier noch in der Region aufhält.

Es handle sich um ein durchziehendes Tier, das sich nicht in der Region niedergelassen hat. Werth glaubt, dass es eben jener Bär war, der vor wenigen Tagen in Österreich gesehen wurde. Auch beim Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) heißt es: „Es ist davon auszugehen, dass es sich um dasselbe Tier handelt, das zehn Tage später im Bezirk Reutte (Tirol) von einer Wildtierkamera fotografiert wurde.“

Ein Italiener?

Werth mutmaßt, dass der Bär von Italien über die Schweiz und das Allgäu nach Reutte gewandert ist. Die nächstgelegene Bärenpopulation befindet sich laut LfU im italienischen Trentino, etwa 120 Kilometer von Bayern entfernt. Dort lebten zurzeit knapp 60 Tiere, Tendenz leicht steigend. Ob es künftig also auch weitere Bären zumindest kurzfristig ins Allgäu verschlägt, „steht und fällt mit der Population in Italien“, erläutert Werth.

>> Europäische Braunbären wiegen zwischen 75 und 350 Kilogramm. Die Männchen sind deutlich schwerer als die Weibchen.
>> Sie sind grundsätzlich Einzelgänger, ihre Streifgebiete überlappen sich aber teilweise erheblich.
>> Paarungszeit ist von Mai bis Juli. Die Jungen kommen während der Winterruhe zur Welt.
Jungbären bleiben 1,5 bis 2,5 Jahre bei der Mutter.
>> Vor allem halbwüchsige Bärenmännchen bewältigen auf der Suche nach einem eigenen Territorium oft weite Strecken.
>> Dabei sind sie mehrere Monate oder wenige Jahre unterwegs. Finden sie keine Partnerin, kehren sie wieder in ihre Heimat zurück. Deshalb ist es nicht zu erwarten, dass Bären sich in Bayern dauerhaft ansiedeln.
>> Bären sind äußerst lernfähig.
Quelle: Landesamt für Umwelt

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bär uns große Sorgen bereitet, aber wir behalten die Situation im Auge“, sagt der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz im Gespräch mit der Allgäuer Zeitung. Bisher habe man im Allgäu keine Erfahrung mit den Tieren gesammelt. Nach Angaben des Umweltministeriums haben Experten des LfU vor Ort mit der Arbeit begonnen. Dazu zähle unter anderem die Sicherung von Spuren. Außerdem würden Sicherheitsbehörden und Tierhalter in der Region informiert.

Auch wenn es keine Anzeichen dafür gibt, dass sich der Bär derzeit im Oberallgäu aufhält, bittet das Umweltministerium Wanderer um „besondere Aufmerksamkeit“. Wer einem Bär begegnet, solle Respekt zeigen, Abstand halten und Ruhe bewahren. Wegrennen oder gar zu versuchen, den Bär zu verscheuchen und Dinge nach ihm zu werfen, sei der falsche Weg. Besser sei es, langsam und kontrolliert den Rückzug anzutreten.

Kein Problem-Bär!

Vom Balderschwanger Bär geht aber offenbar keine direkte Gefahr aus. „Der Braunbär verhält sich absolut unauffällig, er ist kein Problem-Bär, sondern geradezu ein Vorbild-Bär“, sagt Markus Erlwein vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern. Und auch das LfU bescheinigt dem Tier ein arttypisches scheues Verhalten.

Derzeit, erläutert Werth, seien Bären Pflanzenfresser. Die Tiere im Trentino seien beispielsweise angetan von Äpfeln und Weintrauben – 20 Kilogramm davon können sie am Tag essen. Fleisch dagegen stehe nur im Frühling nach der Winterruhe auf dem Speiseplan. Dann essen die Tiere oft Kadaver und erlegen ihre Beute nicht zwangsläufig selbst: „Ein Bär kann kurzfristig stark beschleunigen, ist aber kein Hetzjäger wie zum Beispiel der Wolf.“

Damit den Bären von Balderschwang nicht das gleiche Schicksal ereilt wie seinerzeit Problem-Bär Bruno sei es wichtig, dass er dem Menschen fern bleibt – und umgekehrt. „Das ist seine Lebensversicherung“, sagt Werth. Ihn anzufüttern, beispielsweise um das „ultimative Foto zu schießen“, sei gefährlich und unverantwortlich.


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