"Do herob bi i dahuim"
04.01.2019 Land & Leute

Auch im Winter: Hans (81) lebt seit seiner Geburt auf einer Allgäuer Alpe

Draußen schneit es dicke Flocken über den Allgäuer Bergen. Drinnen knackt das Brennholz im Ofen. Hans Wucherer (81) sitzt in der Stube, in der er schon als Kind spielte, streicht sich durch den weißen Bart und schaut lange aus dem Fenster. "Woandersch", sagt er dann, "hätt' i nie na wolle." Seit seiner Geburt lebt Hans auf der Alpe Bachschwanden in 950 Meter Höhe nahe Missen-Wilhams. Laut dem Alpwirtschaftlichen Verein zählt er zu den dienstältesten Älplern im Allgäu. Und er hat noch lange nicht genug.

Gleich bei unserer ersten Begegnung beweist Hans Wucherer, warum er bis weit ins Tal als fleißiger Schaffer und Mächler gilt. Der 81-Jährige steht in der zugigen Scheune an der Schleifmaschine und fertigt für eine Bekannte Stiele, die sie zu Besen verarbeiten wird. Die frostigen Temperaturen nimmt er kaum wahr. Geduldig und mit ruhiger Hand bearbeitet er das Holz: "Wenn ma's it mit Liebe duat, goht's it."

Das hat er gelernt in seinem Leben auf der Alpe, auf der er aufwuchs und auf der er sich seit 66 Jahren als Älpler im Sommer ums Jungvieh kümmert. Die Dinge lassen sich nicht übers Knie brechen. Sie erfordern Bedacht und Hingabe. "99 Prozent muss i do herob selber macha. Wenn's amol klemmt, kann i it warte, bis der Handwerker Zit hot", sagt Hans schmunzelnd.

Wenig später öffnet er die hölzerne Tür zur staatlich anerkannten Alpe Bachschwanden - nicht ohne den Besucher vorzuwarnen. "It verschrecke", sagt er verschmitzt. "Des isch a Junggesellen-Bude."  

Der Witwer bahnt sich seinen Weg durch die Küche, vorbei an Limo-Kisten und Brennholz-Korb, und heizt den Ofen kräftig an. "Wenn i heinkomm", begründet er mit trockenem Humor, "will i d' Joppa ra dua und it nauf!"

Die Heiterkeit des Älplers mischt sich mit der heimeligen Wärme in Stube. An der Wand hängt eine schwarz-weiß Fotografie aus den 1930er Jahren. Damals wurde der Raum noch als Käseküche genutzt. Über einer offenen Feuerstelle hing ein handgeschmiedeter Kupferkessel, in dem Rohmilch und Lab zu Käse geronnen. Hans kann sich an diese Zeiten noch erinnern.

Auch viele lange und oftmals strenge Winter hat erlebt. Als Bub stellten sie ihn vor eine besondere Herausforderungen stellte. Als er fünf Jahre alt war, sagte seine Mutter: "Jetzt musst Skifahren lernen, nächstes Jahr kommst Du in die Schule." Die Volksschule befand sich damals im Dorf Wiederhofen, das heute zu Missen-Wilhams gehört. Zu erreichen war sie für Hans im Winter nur auf Brettern. Überhaupt kam er als Kind nie groß weg. "Nach Missen sind wir damals höchstens einmal im Monat zum Einkaufen gekommen." Die Wucherers versorgten sich weitgehend selbst. "Geld war Mangelware", erinnert sich Hans. 

Bis heute ist er bescheiden geblieben. Warme Mahlzeiten braucht er nicht. Ihm reichen meist ein Ranken Käs oder ein Stück Wurst. Wenn er ein Bad nehmen will, steigt er selbst im Winter schon mal in den Brunnen vor der Haustür. Er sagt: "Ich bin glücklich mit dem Flecken Erde, den mir der liebe Gott geschenkt hat." Dafür dankt Hans, der der Neuapostolischen Kirche angehört, dem Herrgott jeden Tag. Genauso wie für seine Gesundheit und die erstaunliche Rüstigkeit.  

Im vergangenen Jahr kümmerte sich Hans auf der Alpe noch immer  um 17 junge Rinder von anderen Bauern. Auch in diesem Sommer will er wieder für sie da sein. Ein Leben im Tal kann sich Hans nicht vorstellen. Auch nicht in den Wintermonaten, in denen fast alle Älpler ihr Behausung am Berg verlassen. "Im Dorf müsst i ja Miete zahlen, hätt aber keine so schöne Aussicht", sagt Hans schmunzelnd.

Auf der Alpe hat sein Leben angefangen. Auf der Alpe soll es auch eines Tages enden. Das wünscht er sich. Mehr Zeit, um am Esstisch darüber nachzudenken, hat er an diesem Nachmittag nicht. Er muss nach draußen. Schnee schippen: "Wenn der zu hoch liegt, komm i nimmer aus der Haustür raus." Auch mit 80 Jahren ist und bleibt er eben ein fleißiger Schaffer.     


Weitere Artikel