Landrat regt Diskussion an
29.10.2019 Kind & Kegel

Allgäuer Schüler: Demonstrieren für das Klima - und dann auf Klassenreise mit dem Flugzeug?

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Auf "Fridays for Future"-Veranstaltungen haben Tausende von Allgäuer Jugendlichen zuletzt für mehr Klima- und Umweltschutz demonstriert und Forderungen an die Politik gestellt. Ein Politiker aus der Region hat den Spieß nun umgedreht und will bei den Schulen genau hinschauen: Der Lindauer Landrat Elmar Stegmann (CSU) empfiehlt in einem Schreiben an Gymnasien, bei Klassenreisen künftig auf das Flugzeug zu verzichten. Dem Klima zuliebe. Unsere Autoren haben sich umgehört, wie das in Allgäuer Schulen praktiziert wird...

Auf Klassenfahrten mit dem Flugzeug sollte in Zeiten der Klimakrise verzichtet werden. Das hat in einem Schreiben an die Gymnasien im Landkreis Lindau der dortige Landrat Elmar Stegmann (CSU) vorgeschlagen. Hintergrund ist eine Diskussion im Umweltausschuss des Kreistags, in der es um den Klimaschutz ging. Auf großes Unverständnis sei bei den Kreisräten die Information gestoßen, dass in den vergangenen Jahren der Trend zu Flugreisen als Klassenfahrten zugenommen habe, schreibt Stegmann.

Der Landkreis Lindau ist kein Einzelfall: Auch andernorts wird zunehmend kontrovers diskutiert, ob Klassenfahrten mit dem Flugzeug noch zeitgemäß sind – angesichts der Tatsache, dass vor allem junge Leute auf die Straße gehen und von der Politik mehr Anstrengungen für den Klimaschutz verlangen.

Meinung von Felix Futschik - Doch, das geht:
Freitag für das Klima demonstrieren und anschließend mit dem Flieger auf Abschlussfahrt: Ja, das geht. Mit Doppelmoral hat das nichts zu tun. Die Bewegung „Fridays for Future“ übt Druck auf die Politik aus und schärft in der Gesellschaft das Bewusstsein für den Klimaschutz. Damit gibt sie jenen Politikern den notwendigen Rückhalt aus der Bevölkerung, die wirkliche Reformen anstreben und umsetzen wollen. Damit Flugreisen nicht billiger als Bahnfahrten sind. Natürlich stehen die Mitglieder der Bewegung unter Beobachtung. Das ist auch verständlich. Doch das Eintreten für den Klimaschutz kann ja nicht bedeuten, dass man seinen Lebensstil ausschließlich nach den Kriterien der Nachhaltigkeit ausrichten muss. In Ausnahmefällen in ein Flugzeug zu steigen, macht das Engagement nicht unglaubwürdiger.

Diskussion auch an Schulen

Hans-Jörg Barth vom Energie- und Umweltzentrum Allgäu (Eza) betreut zwei Kemptener Gymnasien, die sich als sogenannte „Klimaschulen“ besonders mit dem Thema beschäftigen. Klimaschutz und Nachhaltigkeit spielten in einer Klimaschule eine besondere Rolle, sagt Barth: im Unterricht, auf den Gängen, in der Mensa oder auf dem Schulweg. Das Kemptener Hildegardis-Gymnasium ist als erstes in Süddeutschland als „Klimaschule“ zertifiziert worden. Das Carl-von-Linde-Gymnasium, ebenfalls in Kempten, ist im März dieses Jahres mit dem Prädikat ausgezeichnet worden.

Auch am Hildegardis-Gymnasium ist über Flugreisen diskutiert worden. Und jetzt wurde beschlossen, dass die Klassen in den nächsten beiden Jahren keine Studienreise mehr mit dem Flugzeug unternehmen. Er halte das für sinnvoll, sagt Eza-Geschäftsführer Martin Sambale. Schließlich gebe es in Europa viele attraktive Ziele, die auch mit dem Zug oder dem Bus erreicht werden können.

Sogar Schüleraustausch gekippt

Am Gymnasium in Marktoberdorf reisen die Schüler der 11. Klassen traditionell nach Berlin - und zwar mit dem Bus, sagt Claus Strunz aus der erweiterten Schulleitung. Die Abi-Fahrten dagegen organisierten die Schüler gänzlich eigenständig. Wo es dabei hingeht, darauf habe die Schule kein Mitspracherecht. „Früher gab es da schon vereinzelt Flugreisen, zum Beispiel nach Bulgarien“, berichtet Strunz. Der letzte Jahrgang sei aber mit dem Bus nach Kroatien gefahren. Vor vielen Jahren habe es an dem Gymnasium außerdem einen Austausch mit einer Schule auf La Réunion, einem französischen Übersee-Département im Indischen Ozean, gegeben. Dieser sei aber nicht fortgeführt worden, unter anderem aus aus Gründen des Umweltschutzes. „Französisch sprechen geht auch mit wesentlich kürzerer Anreise“, sagt Strunz.

Auch das Gymnasium in Buchloe versucht - wenn möglich - auf Flugreisen zu verzichten, sagt Schulleiterin Dr. Angela Bogner. In diesem Ziel seien sich Schüler, Eltern und Lehrer einig. Machbar sei das aber nicht in allen Fällen. Beispielsweise gebe es derzeit Gespräche mit einer möglichen Partnerschule auf Mallorca. Um dorthin zu gelangen, ließen sich Flüge nicht vermeiden. Wo die Klassenfahrten nächstes Jahr stattfinden sollen, darüber hätten die Schüler schon vor Monaten abgestimmt. Noch bevor die Diskussion um die Fridays-for-Future-Bewegung begann, betont Bogner.

Letztlich wird es mit dem Flugzeug nach Barcelona (Spanien) und mit dem Bus nach Bolsena (Italien) gehen. Für die Möglichkeit , eine Alm aufzuforsten habe sich kaum einer interessiert. Das Ziel für 2021 stehe aber auch schon fest: Die Schüler reisen mit dem Nachtzug nach Nizza. „Man muss nicht immer weiß Gott wohin. Wichtig ist die Gemeinschaft“, findet Bogner. Im Rahmen eines Projekt-Seminars geht es beispielsweise nächstes Jahr zu Fuß über die Alpen.

Das bayerische Kultusministerium lässt Schulen bei der Gestaltungvon Fahrten freie Hand. Es gebe keine Empfehlungen, auf Flugreisen zu verzichten, sagte eine Sprecherin. Aber: Eine Flugreise solle „gewissenhaft überdacht werden“.

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