allgaeu.life mystery
16.11.2017 Land & Leute

Allgäuer lebt seit 30 Jahren allein im Wald: "Hier bin ich sicher, wenn die Apokalypse beginnt."

Düster hängt der November-Nebel über dem Wald.  Nur das Krächzen von Krähen zerschneidet die Stille. Keine Menschenseele begegnet uns auf dem Weg zu einem der merkwürdigsten Orte im Allgäu. Ein Ort zwischen Schauder und Zauber. Im Schattenreich von Fichten hat ein Mensch Erleuchtung gefunden. Sie nennen ihn den Waldmensch oder auch den Eremiten von Baumgärtle. Seit über 30 Jahren lebt er abseits der Zivilisation. "allgaeu.life mystery" hat den Einsiedler besucht und erstmals filmen dürfen.

Die blauen Augen über dem Rauschebart sind weit aufgerissen, als er uns vor seiner Holzhütte erblickt. Auf unseren Besuch ist der Einsiedler von Baumgärtle (Unterallgäu) nicht eingestellt. Im Herbst und Winter verbringt der 76-Jährige viele Tage ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt.

Dann betet er stundenlang den Rosenkranz und liest in der Bibel. Oder in den Prophezeiungen von Nostradamus.  Aber nur solange es das Tageslicht ermöglicht. Der Waldmensch hat sich für ein Leben ohne Strom und fließendes Wasser entschieden. Ein Leben ohne Stress und Hektik. Ohne Zerstreuung und Zerwürfnis. Es dient nur einem Zwecke: der Lobpreisung Gottes. 

Heinrich Maucher, wie der Eremit von Baumgärtle mit bürgerlichem Namen heißt, sieht das Ende der Menschheit heranziehen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er mit uns sprechen will. "Betet, Menschen, betet", lautet seine Botschaft, die er mehrmals wiederholt. Das Ende sei nah. Der Krieg in Syrien, von dem ihm Besucher berichteten, habe die Welt aus ihren Fugen gerissen. Mit ihm beginne die Endzeit, für die er sich gerüstet sieht: "Hier bin ich sicher, wenn die Apokalypse beginnt", sagt er und verweist auf seinen abseits gelegenen Wohnort: "Im Wald und im Gebirge leben die Menschen immer sicher."

Deshalb hat er das Menschenmögliche getan, um auch andere zu retten: Im Laufe von drei Jahrzehnten baute er neben seiner eigenen Hütte 35 Holzverschläge, die im Bedarfsfall Unterschlupf für Hilfsbedürftige bieten können. Dazu kommen 11 Mariengrotten oder Holzkapellen, die den Hergott erfreuen und gnädig stimmen sollen.

Ich bin im Flugzeug gesessen und hab' diese Stimme gehört. 
Heinrich Maucher

"Mariental" nennt er den Rückzugsort im Wald. Etwa einen Kilometer lang sind die Pilgerwege, die sich durch das geheimnisvolles Labyrinth auf seinem eigenen Grund und Boden schlängeln. Der Einsiedler stammt aus einer katholischen Bauernfamilie. Kurz nachdem seine Eltern Anfang der 80er Jahre starben, fühlte sich der frühere Ministrant zu einem Leben in Abgeschiedenheit berufen. Eine Reise nach Israel brachte ihm die Gewissheit. "Ich bin im Flugzeug gesessen und hab' diese Stimme gehört", erzählt er. "Danach war alles anders." 1984 baute er im Waldstück der Familie seine erste Marien-Grotte. Ein Jahr später entschloss sich der damals  46-Jährige, dort zu leben. Es war keine Verbitterung, die ihn zum Leben in Abgeschiedenheit trieb. Sondern die Aussicht auf Erfüllung. Könnte er dieses Verlangen in Worte fassen, glichen sie wohl der Kirchenkantate aus dem Jahr 1726 von  Johann Sebastian Bach:

Stirb in mir,
Welt und alle deine Liebe,
Daß die Brust
Sich auf Erden für und für
In der Liebe Gottes übe;
Stirb in mir,
Hoffart, Reichtum, Augenlust,
Ihr verworfnen Fleischestriebe!

Als junger Mann träumte der Eremit von einem normalen Leben. Einige Herzensdamen soll es gegeben haben, erzählt er mit einem verschmitzten Grinsen. Doch wann immer es konkret hätte werden können, vergaß er die Termine. Seine Bestimmung sei eine andere gewesen. Sie führte ihn in ein Leben in der Natur. Er trinkt Wasser aus der Quelle, heizt mit Brennholz aus dem Wald und ernährt sich vor allem von Obst, Gemüse, Honig und Eiern.

Ein Eremit läuft barfuß 

Eine gläubige Wohltäterin, die er seit elf Jahren kennt, versorgt ihn einmal pro Woche mit dem Nötigsten. "Ich brauch' it viel", sagt der Waldmensch. Wie zum Beweis huscht er barfuß durch sein Reich. Dass das Thermometer an diesem Tag null Grad anzeigt, stört ihn nicht. "Man kann sich an alles gewöhnen." Umgekehrt scheinen sich nicht nur der Wald, sondern auch die Behörden an seine Existenz gewöhnt zu haben.    

Eine Hütte (oder gar mehrere Dutzend) in den Wald zu bauen, ist nicht ohne Weiteres erlaubt - selbst wenn einem ein Waldstück gehört. Das Landratsamt Unterallgäu, so erzählt man sich, hat bei Maucher einige Augen zugedrückt.

Altlandrat Hermann Haisch hat demnach den Eremiten besucht und kam zu dem Schluss, dass von dem friedlichen Naturfreund keine Gefahr ausgeht. Viele empfinden den Einsiedler heute gar als Segen. Sie bringen ihm Kunststoff-Blumen, mit denen er sein Kleinod ganzjährig schmückt. Oder sie vertrauen ihm Holzkreuze ihrer gestorbenen Angehörigen an. Über 200 Kreuze stehen auf seinem Refugium. Auf uns Besucher macht ihr Anblick an einem grauen Novembertag einen gespenstischen Eindruck. Heinrich Maucher jedoch sieht sich als Wächter über die "verstorbenen Seelen". 

Er kennt keine Furcht. Er baut auf Gott. Der Einsiedler vom Baumgärtle wird den Wald nicht mehr verlassen. Bis ihn der Herr zu sich ruft. 

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