Tolle Schulaktion
11.04.2019 Kind & Kegel

Allgäuer Kids retten Hunderte Kröten: "Wir helfen Lurchi & Co. über die Straße"

Von wegen für die paar Kröten! Dieser Einsatz der Kinder der Montessori-Schule Oberstaufen lohnte sich mal richtig - auch wenn er rein ehrenamtlich war. Mehrere Hunderte Kröten, Frösche und Molche haben die Kids bei ihrer Expedition vor dem fast sicheren Tod durch Überfahren gerettet. Denn auch im Oberallgäu ist die Krötenwanderung im vollen Gange - rund um den "Hotspot Kalzhofen" sind derzeit bis zu 10.000 Amphibien (!) unterwegs. Untersuchungen zeigen: Ohne Hilfe würde es nur eine von zehn Kröten lebend über eine Straße schaffen. Doch BUND Naturschutz, etliche Ehrenamtliche und die Staufner Schüler helfen. Warum das so wichtig ist, erfährst Du hier.

Vom Frühling im Allgäu ist an diesem grauen Morgen nichts zu sehen. Gerade mal sechs Grad zeigt das Thermometer, die ganze Nacht hat es aus dunklen Wolken geschüttet. Statt der Sonne strahlen aber die Kinder der Montessori-Schule aus Oberstaufen um die Wette. Die Pädagogen Margitta Kley und Nadine Epp haben ihnen heute ein besonderes Abenteuer ermöglicht: Mit bunten Eimern ausgestattet geht es zum Krötensammeln in die Allgäuer Natur.

Der ideale Ort dazu ist nicht weit von ihrer Schule entfernt. Keine zwei Kilometer sind es zum Staufner Ortsteil Kalzhofen. Hier, rund um den Tronsberger Bach, liegt das "Laichzentrum schlechthin im Oberallgäu", sagt Gabriel Fesenmayr. Der 27-jährige Ökologie-Student absolviert ein Praxissemester beim BUND Naturschutz Kempten-Oberallgäu und erklärt den Kindern alles ganz genau. "Nach unseren Schätzungen leben etwa 8.000 bis 10.000 Kröten, Frösche und Molche in diesem Gebiet. Das ist mehr als das Sechsfache vom Durchschnitt in anderen Oberallgäuer Laichgebieten."

Das bergige Gelände mit Wald, Wiesen, Bach und einem Weiher ist geradezu ideal für die Amphibien. In den Winter- und Sommermonaten halten sie sich geschützt im Wald auf, doch in den Frühlingsmonaten von März bis Mai begeben sich die liebestollen Tiere auf Wanderschaft zu ihrem Laichweiher, um dort ihre Eier abzulegen. Das Problem: Auch im Allgäu ist der Lebensraum der Kröten, Frösche und Molche von Straßen zerschnitten, die jede Wanderung zu einem lebensgefährlichen Unterfangen machen.

Denn wer beim Stichwort Krötenwanderung putzmunter springende Fröschlein vor Augen hat, der irrt. Die Kaltblüter kommen im Frühjahr klamm und träge aus ihren Verstecken und bewegen sich wie in Superzeitlupe. Auch an der Straße am Tronsberg, die nicht gerade zu den Hauptverkehrsadern im Allgäu zählt, sieht man alle paar Meter überfahrene Amphibien.

Deshalb hat der BUND Naturschutz vor einigen Wochen einen mehrere Hundert Meter langen und rund 80 Zentimeter hohen Kunststoffzaun am Straßenrand befestigt. Er hindert Lurchi & Co. am Überqueren der Straße, viele Tiere landen stattdessen in Eimern, die die Tierschützer in den Boden gegraben haben. Und hier kommen die Kids der Montessori-Schule ins Spiel.

Aufgeregt laufen die Kleinen bergaufwärts den Zaun entlang und fischen die Kröten mit ihren Händen aus den Eimern im Boden. Einen Frosch und eine Erdkröte hat Ann-Sophie aus Sulzberg (Österreich) schon in ihrem pinken Eimerchen und strahlt über beide Ohren: "Das macht riesig Spaß!" Für die Neunjährige ist es das erste Mal, dass sie beim Krötensammeln dabei ist. Noah (8) und Nicolas (10) sind dagegen schon Profis – ein- bis zweimal die Woche retten sie gemeinsam mit ihren Eltern Amphibien in der Laichzeit vor dem (fast) sicheren Tod.

Keine Scheu vorm Anfassen

Scheu, die glitschigen Gefährten anzufassen, hat deshalb keines der Kinder. Stolz halten sie vor allem die zahlreichen Krötenpärchen in die Höhe, die huckepack – Männchen auf Weibchen – zum Laichplatz ziehen und sich auch nicht mehr trennen lassen. "Kröten sind nicht giftig. Wascht Euch nachher bitte trotzdem alle gründlich die Hände und reibt euch vorher nicht in den Augen. Sonst kann es ein bisschen brennen", ruft Gabriel. Dann erklärt er an zwei Exemplaren den Unterschied zwischen Kröten und Fröschen. "Den Grasfrosch erkennt ihr an den Augenflecken. Erdkröten haben etwas kleinere Beine, waagrechte Augen und sind sehr warzig." Schließlich entdeckt die Gruppe sogar noch einen seltenen Bergmolch, der nach einer kurzen Erklärung gemeinsam mit den anderen Amphibien in den rettenden Weiher entlassen wird.

"Für uns ist es eine Riesenhilfe, wenn ab und zu auch Kinder- und Schülergruppen vorbeikommen und die Helfer beim Sammeln etwas entlasten", sagt Gabriel. In diesem Jahr habe der BUND immerhin zwölf Ehrenamtliche gefunden, die am Tronsberg abwechselnd vormittags und abends die Eimer am Zaun nach Kröten durchsuchen. "An guten Tagen sammeln die Leute schon mal 800 Tiere ein." Weitere Helfer sind deshalb immer willkommen.

Immerhin geht es um einen Einsatz, der nicht nur Tierleben rettet, sondern auch wichtig für die natürliche Umgebung ist. Als Teil der Nahrungskette vertilgt jede Amphibie tausende Insekten, unter anderem auch Mückenlarven. Umgekehrt stehen Kröten und Frösche auf dem Speiseplan von mehr als 100 Tierarten - etwa dem Storch.

Wichtig fürs natürliche Gleichgewicht

Den Kindern der Montessori-Schule Oberstaufen sind die biologischen Zusammenhänge im Moment noch nicht so wichtig. Im Vordergrund steht der Spaß, die Natur "live" und hautnah zu erleben. "Ich habe 52 Kröten, zwei Frösche und einen Molch gefunden", ruft Nicolas voller Stolz.

"Die Begeisterung entsteht durch das Sinnesempfinden: Wie fühlt sich so ein Frosch an, wie hört sich seine Stimme an? Solch ein Verständnis für die Natur können wir in keinem Klassenzimmer vermitteln", ziehen Nadine Epp und Margitta Kley zufrieden Bilanz des vormittäglichen Ausfluges. Denn: "Heute haben wir viel gesehen und erlebt." Auch ohne Allgäuer Frühlingswetter…

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