Weltenbummler erzählt
02.03.2018 Land & Leute

Allgäuer Hippie (76): "Mit diesem VW-Bus fuhr ich bis nach Goa. Es war der Trip meines Lebens!"

Diese Geschichte ist einfach abgefahren. Diese Geschichte macht Mut. "Reise um die Welt. Lebe Deinen Traum. Jetzt! Warte nicht, bis Du in Rente bist", sagt Alt-Hippie Jürgen Schultz. Der 76-Jährige aus Memmingen weiß, wovon er spricht: Vor 40 Jahren kaufte er einen gebrauchten VW-Bus für 1.500 Mark - und stürzte sich ins Abenteuer. Mit seinem 56er T1 fuhr er bis ins Hippie-Paradies Goa nach Indien! Steig ein, schließ die Tür und begib Dich mit allgaeu.life auf Zeitreise.

Das Abenteuer begann auf einem Parkplatz bei München. Mit einem harmlosen Gespräch. Der Fahrer eines VW-Busses verriet Jürgen, dass er sein Gefährt  verkaufen wolle. Der Allgäuer Hippie war Feuer und Flamme, signalisierte Interesse. Wenig später stand der Deal. Für schlappe 1.500 Mark kaufte er den Bulli (Baujahr 1963), mit dem er den coolsten Trip seines Lebens startete!

Mit seinem Bruder Bruno und einem gemeinsamen Kumpel reiste Jürgen vor 40 Jahren bis nach Goa in Indien - und wieder zurück ins Allgäu. Unglaubliche 40.000 Kilometer schnurrten sie 1977/78 pannenfrei in der gebrauchten Karre ab. "Darüber wundere ich mich heute noch", sagt der heute 76-Jährige mit den langen grauen Haaren und dem Vollbart schmunzelnd. 

Vielleicht lag es an der oft zitierten deutschen Wertarbeit. Oder an der schützenden Hand der Reisegötter, die sich für das Motto des bayerischen Abenteurer-Trios erwärmten: "Travel is passport for peace", schrieben die Weltenbummler auf ihren Bulli. Jürgen, der als Ersatzteileverkäufer bei der Münchner Maha arbeitete, hatte für den Trip von seinem Chef ein Jahr frei bekommen.    

"Meine Beifahrer und ich waren die Ober-Hippies. Wir hatten nicht nur eine wunderbare Zeit, sondern auch noch den besten Bus der Welt", sagt Jürgen. Auf ihrem Road-Trip ins Hippie-Paradies ließen die Drei gegen eine Benzinbeteiligung immer wieder andere Gäste an Bord ihres 34-PS-Boliden. "Vom Schrotthändler bis zum Professor war alles dabei. Diese Bekanntschaften waren der Wahnsinn. Solche Begegnungen kannst Du Dir für kein Geld der Welt kaufen", sinniert Jürgen beim allgaeu.life-Besuch, der ihn zurückversetzt in die goldende Hippie-Zeit. Viele tausend Kilometer - speziell durch Afghanistan und Indien - spulte der Allgäuer zudem im Konvoi mit anderen VW-Busfahrern ab.

Die Weltenbummler bildeten sogar vor dem legendären Taj Mahal in Indien eine Wagenburg. Die anfangs skeptischen Polizisten stimmten die internationale Hippie-Crew mit einer besonderen Getränkemischung gnädig: "Es gab Tee mit Rum. Wir haben uns schon bald wunderbar verstanden...", erinnert sich Jürgen mit einem lausbübischen Lächeln. Auch am Ziel seiner Hippie-Träume, in Goa, erlebte er unglaubliche Szenen. "Ich werde nie vergessen, wie bei Sonnenaufgang ein Typ mit Haaren wie Jesus am Strand steht - und seine Jünger zum 'Early Morning Joint' ruft", erinnert sich Jürgen kopfschüttelnd. "Und von überall kommen sie angelaufen, um sich eine Tüte reinzuziehen..." 

Über drei Monate blieb Jürgen mit seinen Compañeros im Aussteiger-Hot-Spot an der mittleren Westküste Indiens. "Es war völlig verrückt. Ich hab jegliches Zeitgefühl verloren. Man denkt nicht mehr in den Tagen, sondern höchstens noch in Monden", sagt er über die Party-Time. Ab und zu, so gesteht er, habe er auch mal einen Joint geraucht und bei Magic Mushrooms zugegriffen. Doch unterm Strich überwog die Erkenntnis: "Das ist nichts für mich. Zu viele Leute blieben auf Drogen hängen." Überraschenderweise hatte ausgerechnet der Goa-Trip für Jürgen sogar therapeutische Wirkung. Er hörte auf zu rauchen! Vor dem indischen Kippen-Verschnitt, Bidis genannt, graut ihm bis heute...

Mit dem VW-Bulli durch die Welt: Jürgens schräge Reisefotos

In Kolonne Richtung Sonne: Oftmals bildete Jürgen mit anderen Weltenbummlern eine Hippie-Karawane. Hier durch Afghanistan, das dem Weltenbummler als das schönste aller Länder in Erinnerung ist. Damals zumindest. privat
Nein, das ist nicht die Kelly-Family: Für ein gemeinsames Sitt-in fand der Hippie-Tross immer Zeit. privat
Hippie-Glück und deutsche Wertarbeit. Der VW-Bus streikte auf der ganzen Tour (40.000) Kilometer kein einziges Mal. Lediglich die eine oder andere Reifenpanne ist Jürgen in Erinnerung. privat
Bulli-Parade vor einer indischen Tempelanlage... privat
In Sri Lanka bot Jürgen ein Familienvater seine Tochter im Tausch gegen den VW-Bus an. "Ob das ein Scherz war, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls hab ich mich für den Bulli entschieden...", erzählt der Alt-Hippie schmunzelnd. privat
Allgäu-Brothers on tour: Jürgen (links) mit seinem jüngeren Bruder Bruno. privat
Klar, dass man auf so einer Reise auch ein paar Mädels kennenlernt... privat
Dieser Ananas-Stand gefiel den Brüdern besonders gut. privat
Am Ziel aller Hippie-Träume: In Goa blieb Jürgen mehrere Monate. Vor dem Bus wurde ein Vorzelt aufgebaut. "Wir waren schon die Oberhippies", sagt der Memminger augenzwinkernd. privat

Insgesamt drei Mal hat der Weltenbummler eine einjährige Reise-Auszeit genommen - immer genehmigt von seinem liberalen Chef, den Jürgen als " verhinderten Hippie" in Erinnerung hat . "Ich kann für die Jungen heutzutage nur hoffen, dass sie auch solche Vorgesetzte haben. Reisen erweitert den Horizont ungemein. Wenn man sieht, unter welchen erbärmlichen Umständen, andere Leute leben müssen, blickt man anders auf die eigenen Probleme", resümiert der Abenteurer, der 80 Länder bereiste. 

Auf seinen vielen Trips geriet der Allgäuer Hippie nur einmal in Bedrängnis: Als ihm Diebe in Indien die Reifen klauen wollten, vertrieb er sie mit dem Knall einer Schreckschusspistole. Heute würde er von deren Gebrauch freilich abraten: "Wenn die Diebe echte Waffen tragen, eröffnen sie das Feuer", gibt er zu bedenken. Hat er weitere Tipps für Reisende parat? "Ich hab nie einen Anhalter über die Grenze gefahren. Man weiß nie, welche Drogen einem untergeschoben werden", sagt Jürgen.

Bis heute geht dem überzeugten Junggesellen die Freiheit über alles. Er zieht sein Ding durch, wie es ihm gefällt. Und er bereut keines seiner Abenteuer. Naja, okay. Bis auf eines. Vor drei Jahren landete er mit seinem Motorrad im Straßengraben und zog sich eine schwere Knieverletzung zu. Nicht in Afghanistan, nicht im Iran und auch nicht in Indien. Ausgerechnet er, der weitgereiste Memminger, verunglückte im nahegelegenen Dietmannsried. "Erwischen kann es einen überall", lautet sein Kommentar. "Aber wieviel in meinem Leben würde fehlen, wenn ich immer nur an die Gefahren gedacht hätte."                   

 


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