Peter-Josef Paffen
11.11.2019 Land & Leute

AGCO/Fendt-Chef geht in den Ruhestand: „Das Wichtigste sind die Menschen“

Nach zehn Jahren an der Spitze des Marktoberdorfer Traktorenherstellers AGCO/Fendt geht Peter-Josef Paffen in den Ruhestand. Er blickt zurück auf Rekordwerte und sagt, auf was es auch in schwierigen Momenten ankommt.

Über zehn Jahre lang hat Peter-Josef Paffen die Geschicke des Marktoberdorfer Traktorenherstellers AGCO/Fendt gelenkt. In dieser Zeit etablierte Paffen das Unternehmen als globale Marke sowie als Technologie- und Innovationsführer. Alle wichtigen Unternehmenskennzahlen erreichten Rekordwerte. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Im Interview blickt er auf seine Karriere zurück. Der gebürtige Rheinländer spricht auch über den Umgang mit Stress, seine neue Heimat, das Allgäu, und über seine Leidenschaft für die Jagd.

Herr Paffen, das Landratsamt Ostallgäu bietet einen Kurs für angehende Rentner an. Wäre das etwas für Sie?

Paffen: Man muss sich ab einem bestimmten Alter daran gewöhnen, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Mir war immer wichtig, dass man im Unternehmen nicht sagt: Wann geht der Alte? Mein Ziel war: Ich gehe selbstbestimmt raus. Und das tue ich jetzt. Ich lege mein Amt zum 31.12. dieses Jahres nieder – obwohl mein Vertrag durchaus noch weiter gelaufen wäre.

Einen Kurs für Rentner brauche ich nicht, denn ich gehe weiterhin meinen Leidenschaften nach. Nur werden sich eben die Schwerpunkte verschieben. Für meine Familie wird mehr Zeit bleiben und ich werde meine Jagdpas–sion intensiver ausüben können. Insofern habe ich keine Angst vor dem Rentnerdasein. Im Gegenteil: Ich freue mich drauf.

Die vergangenen Jahre stand für Fendt die 2020-Strategie im Mittelpunkt. Also 20 000 verkaufte Traktoren im Jahr 2020. Diesen Erfolg feiert nun womöglich Ihr Nachfolger. Schmerzt Sie das?

Paffen: Überhaupt nicht. Es wäre meine größte Freude, wenn das neue Team die 20 000er-Marke schafft. Denn das würde bedeuten, wir haben nachhaltig geplant und nichts falsch gemacht. In den vergangenen Jahren haben wir gut vorgelegt. Doch diesen letzten Schritt in Richtung 20 000 zu tun, ist das Anstrengendste, zumal der Markt derzeit leicht rückläufig ist. Gleichwohl traue ich dem neuen Team zu, das gesteckte Ziel zu erreichen. Zu der nachfolgenden Generation (Christoph Gröblinghoff als Fendt-Chef und Ingrid Bußjäger-Martin als Finanzgeschäftsführerin, Anm. d. Red ) habe ich sehr großes Zutrauen. Sie sind beide meine absoluten Wunschkandidaten.

Als Sie 1998 bei Fendt anfingen, war das Familienunternehmen Fendt gerade an den amerikanischen AGCO-Konzern verkauft worden. Wie hat das die Entwicklung der Marke Fendt beeinflusst?

Paffen: Das frühere Familienunternehmen hat sich zum Technologie- und Innovationsführer entwickelt und ist zu der mit weitem Abstand wichtigsten Gruppe im Konzern geworden. Warum? Weil wir in den vergangenen 20 Jahren immer Leistung gebracht haben. Wenn wir gesagt haben: Wir können das, wir trauen uns das zu, dann war das auch so.

Wir haben Ziele oft übererfüllt. Jedes einzelne Jahr im AGCO-Konzern war für Fendt besser als das beste Jahr im Familienunternehmen. So ist gegenseitiges Vertrauen gewachsen. Und ich bin mir sicher, dass Fendt heute alleine bei Weitem nicht so gut da stehen würde. Wir haben von den Strukturen des Konzerns profitiert. Denken Sie etwa nur daran, dass AGCO im Jahr 2012 rund 300 Millionen US-Dollar (270 Millionen Euro) in das neue Traktorenwerk in Marktoberdorf investiert hat.

Der Fendt-Stammsitz in Marktoberdorf hat auch den Zuschlag bekommen für das globale AGCO-Kompetenzzentrum für Digitalisierung. Was heißt das für den Standort?

Paffen: Das stärkt Marktoberdorf, weil wir natürlich auch räumlich nah dran sind und Einfluss nehmen können auf das, was passiert. Für das Unternehmen ist das der Anfang eines sehr wichtigen Weges. Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit. Und da kann Fendt nun mit großer Zuversicht in die Zukunft sehen.

Was macht die Digitalisierung mit der Landwirtschaft?

Paffen: Die Digitalisierung schreitet mit einem unglaublichen Tempo voran. Unternehmen, die jetzt nicht die Weichen richtig stellen, sind in zehn Jahren weg vom Fenster. Denn die Geschäftsmodelle und die Beziehungen zu den Kunden werden sich in der digitalen Welt grundlegend verändern. Für die Landwirtschaft wird es in Zukunft darum gehen, noch produktiver und wettbewerbsfähiger zu werden. Trotz Digitalisierung wird es jedoch nicht ohne die Menschen gehen.

Der Beruf des Landwirts wird nicht aussterben, auch wenn sich das Berufsbild ändern wird: Der Bauer wird noch mehr zum Unternehmer werden. Und er wird profitieren können von der digitalen Entwicklung. In Zukunft wird es möglich sein, einzelne Pflanzen viel besser zu versorgen und ihren Ertrag deutlich zu steigern. Es geht darum, die Erde besser zu nutzen und auch zwölf oder dreizehn Milliarden Menschen ernähren zu können.

AGCO-Chef Martin Richenhagen sind Sie geradezu freundschaftlich verbunden. Das hat Fendt sicher nicht geschadet, oder?

Paffen: Martin Richenhagen und ich sind beide Rheinländer, insofern war da von Anfang an eine positive Grundstimmung. Mittlerweile kennen wir uns schon lange. Unser Verhältnis geht sicherlich über eine normale Geschäftsbeziehung hinaus und ist von tiefem Vertrauen geprägt. Das hat Richenhagen aber nie daran gehindert, gerade von Fendt maximale Leistung zu fordern.

Wie wichtig ist gegenseitige Sympathie im Geschäftsleben?

Paffen: Das hilft natürlich, aber sie müssen es auch hinkriegen, wenn jemand anders tickt. Die Frage beinhaltet aber noch mehr. Und da nähern wir uns dem Kern, was Unternehmensführung anbelangt. Das Wichtigste in einer Firma sind die Menschen. Um die muss man sich kümmern. Es geht zum einen darum, jeden Mitarbeiter an der richtigen Stelle einzusetzen, nach seinem Leistungsvermögen, nach seinen Stärken und Schwächen.

Zum anderen ist es entscheidend, Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu schenken – unabhängig von der Position. Sie können kein Teamspieler sein, wenn Sie ihren Leuten nicht vertrauen. Meine Maxime war es immer, jedem einzelnen Mitarbeiter ein Grundvertrauen entgegenzubringen. Und ich bin in all den Jahren nur ganz selten enttäuscht worden.

2014 hatte Fendt eine schwierige Phase durchzustehen. Sie mussten auch Stellen streichen. Wie hat Sie das verändert?

Paffen: Auch in solchen Momenten geht es ja vor allem um die Menschen. Sie müssen über etliche Einzelschicksale entscheiden. Da ist man am meisten gefordert, da spürt man auch an der Spitze eines Unternehmens die Härte des Lebens. Es gilt, Entscheidungen zu treffen, die schmerzhaft sind. Sie müssen das aber tun, um das Unternehmen als Ganzes nicht zu gefährden. Klar ist aber auch: Es macht keinen Spaß, Menschen zu entlassen. Gute Unternehmen meistern solche Herausforderungen und entscheiden auch in schwierigen Phasen nach ethischen Wertvorstellungen. Wenn Sie so etwas ordentlich managen, gehen Sie am Ende gestärkt und professioneller aus solchen Situationen heraus.

Wie gehen Sie mit Druck um?

Paffen: Wenn Sie ein Unternehmen leiten, gibt es immer wieder mal Situationen, in denen Sie Stress haben und eine Nacht schlaflos im Bett liegen. Mir haben in solchen Momenten immer zwei Dinge geholfen: Mein Glaube und meine Familie – besonders natürlich meine Frau.

Wir sind beide Frühstücksfetischisten und am Frühstückstisch haben wir uns oft ausgetauscht. Da konnte ich Dinge noch mal reflektieren, um mir etwa für eine anstehende Entscheidung ganz sicher zu sein. Wenn ich in die Firma gekommen bin, habe ich mich immer bemüht, Gelassenheit und Optimismus an den Tag zu legen. Egal wie schwierig es war. So bekommen Sie zwar Probleme im Unternehmen noch nicht geklärt, lösen aber bei ihrem Umfeld eine positive Einstellung aus.

Schlechte Laune herrscht dagegen derzeit bei den Landwirten ...

Paffen: Bei den Bauern ist die Stimmung negativer als die wirtschaftliche Lage. Die Landwirte sind frustriert und fühlen sich als Schuldige an den Pranger gestellt. Für das Insektensterben, die Bodenerosion, die Missstände beim Tierschutz – für all das werden sie von Kritikern verantwortlich gemacht. Die Diskussion über diese Themen ist wichtig, aber man muss sie fair führen. Die Bauern wollen – zurecht – nicht die Deppen der Nation und an allem Schuld sein.

Sie sind selbst Bauer. Muss man Landwirt sein, um Landwirte zu verstehen?

Paffen: Es ist ein großer Vorteil, wenn man Dinge nicht erklären muss. Auch viele Fendt-Mitarbeiter kommen aus der Landwirtschaft. So lassen sich natürlich mit den Kunden Gespräche auf Augenhöhe führen. Und es ist immer gut, wenn man versteht, was der Kunde braucht und ihm entsprechend innovative Lösungen anbieten kann.

Was nennen Sie Heimat? Das Rheinland oder das Allgäu?

Paffen: Im Rheinland bin ich geboren und aufgewachsen, habe auch heute noch Freunde dort. Aber ich vermisse die Region meiner Kindheit nicht. Mittlerweile lebe ich seit über 20 Jahren im Ostallgäu. Und obwohl mich manche wahrscheinlich immer noch als Saupreiß bezeichnen, würde ich sagen: Mein zu Hause ist das Allgäu, mein Dorf, in dem ich lebe, die Gemeinschaft dort. Das mag ich wahnsinnig gern. Mir gefällt auch die Mentalität der Allgäuer. Das sind ehrliche Menschen mit hohen Wertvorstellungen. Also, meine Frau und ich fühlen uns hier wohl – und wir bleiben auch in Zukunft hier.

Was werden Sie ab Januar anfangen mit Ihrer neuen Freiheit?

Paffen: Meine Frau hat da glücklicherweise bereits vor Jahren vorgebaut und mir einen Vorbereitungslehrgang für die Jägerprüfung geschenkt. Ich wurde also quasi zum Jagen getragen. Mittlerweile ist das wirklich meine große Leidenschaft. Das Ganze ist ja viel, viel mehr als ein bisschen Rumschießen. Im Auerberggebiet bin ich verantwortlich für ein 1000 Hektar großes Revier. Dort kümmere ich mich um einige hundert wild lebende Tiere, die hege, pflege und füttere ich. Natürlich muss ich auch meine Abschussquote erfüllen.

Das alles wird mich beschäftigen – und begeistern. Wenn Sie sich einen Frühsommertag vorstellen: Morgens um halb vier auf dem Hochsitz, die Sonne geht auf, die Natur erwacht. Und später dann zurück auf der Terrasse das Frühstück mit der Familie. So stelle ich mir einen idealen Tag vor.

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