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05.09.2019 Land & Leute

7 Dinge, die Du beim Allgäuer Viehscheid niemals tun solltest

Vorn das geschmückte Kranzrind. Dahinter eine dampfende, muhende Herde. Der Klang von großen Kuhschellen. Mittendrin der Älpler und seine Hirten in kurzer Lederhose und Kuhstecken, begleitet von den fleißigen Föhla im Dirndl. Der Viehscheid gehört zum Allgäu wie seine berühmten Gipfel. Zigtausend Zuschauer strömen zu den Veranstaltungen. Was Du als Viehscheid-Besucher auf keinen Fall machen solltest, erfährst Du hier.

Wenn das Vieh nach dem Alpsommer von den Allgäuer Bergwiesen scheidet, wird seine Ankunft in den Talorten sehnlich erwartet. In 32 Gemeinden im Allgäu sowie bei unseren österreichischen Nachbarn im Kleinwalsertal und im Tannheimer Tal finden in den kommenden Tagen Viehscheide statt (alle Termine hier). Insgesamt verbrachten heuer etwa 28.000 Jungrinder - Schumpen genannt - die "Sommerfrische" auf den Alpen. Dazu kommen 2.500 Milchkühe, 300 Pferde, 250 Schafe, 200 Ziegen und 570 Schweine.

Der Alpatrieb ist nicht nur für viele Allgäuer ein Höhepunkt im Jahr, sondern zieht auch Touristen an wie ein Magnet. Beispiel Viehscheid Bad Hindelang. "Da kamen vor 30 Jahren vielleicht 5.000 Leut'. Heute sind es an einem schönen Tag 40.000!", sagt Franz Hage, Vorsitzender des "Alpwirtschaftlichen Verein Allgäu (AVA)", bei dem 692 Alpen gelistet sind.

Ähnlich rappelvoll wie in Bad Hindelang ist es beim Viehscheid in Oberstdorf. Manchen ist der Trubel an den Straßen mittlerweile schon (fast) zu viel. "Vor allem die Bauern schimpfen. Wenn sie ihr Vieh vom Älpler in Empfang nehmen und verladen, haben sie wenig Platz und müssen sich manchmal auch noch schlaue Sprüche anhören", sagt Hage. Für ihn steht außer Frage, dass der Viehscheid eine wichtige Bedeutung für den Tourismus hat und das auch weiter haben soll. Deshalb seine Devise: "Wenn sich jeder um ein gutes Miteinander bemüht, wird es auch für alle ein gelungener Tag." Der Viehscheid-Knigge von allgaeu.life listet 7 Punkte auf, die Du als Zuschauer besser nicht machen solltest: 

1. Alm sagen: Das klingt für Allgäuer Ohren so schlimm wie Käsespätzle (es heißt Kässpatzen!). Im Allgäu wie auch in der Schweiz heißt es "Alpe". Im früheren alemannischen Siedlungsraum stand das Wort "Alp" für "Bergeweide". In Oberbayern oder im Tiroler Dialekt hat sich dagegen die "Alm" durchgesetzt. 

2. Wege versperren: Immer wieder kommt es zu gefährlichen Situationen, weil "Zaungäste" eben nicht hinter der Absperrung stehen oder keinen Sicherheitsabstand zu den Tieren halten. "Jeder hat heute ein Handy und will ein tolles Foto machen. Manche vergessen bei dieser Motiv-Jagd, dass daraus viel Unruhe bei den Tieren entstehen kann. Und genau diese Gäste sind dann die ersten, die sich aufregen, wenn Hirte oder Bauer den Schumpen mit dem Stecken wieder in die richtigen Bahnen weist", sagt Franz Hage.   


3. Mit dem Auto mitten in den Ort kutschieren:
 So viel Trubel wie am "Viehscheid-Däg" herrscht in den Gemeinden meist das ganze Jahr über nicht. Deshalb: Bitte außerhalb parken. Oder noch besser: Mit dem Rad oder Bus und Bahn anreisen. Die beiden letztgenannten Optionen empfehlen sich vor allem, wenn man danach noch auf eine Maß ins Festzelt schauen will...    

4. Älpler und Hirten verärgern: Wer einen Allgäuer Senn zum Statisten für sein Selfie degradiert oder für ein Foto gar herumkommandiert, macht sich keine Freunde. "Unsere Älpler sind doch keine Schauspieler!", ärgert sich Franz Hage. Sie haben einen harten Sommer hinter sich und müssen beim Viehscheid voll konzentriert und auf zack sein", unterstreicht er die eigentliche Bedeutung.  

5. Schumpen stressen: "Guck mal die drollige Kuh! Och ist die süß...." Klar: Die Urlauberin aus Wanne-Eickel freut sich über den Anblick von Allgäuer Braunvieh ganz besonders. Doch ein Viehscheid ist kein Streichelzoo! Für die Tiere ist der Tag aufregend genug. Sie legen nach Monaten der Abgeschiedenheit einen "Cowwalk" vor Riesen-Publikum hin. Deshalb sollten Zuschauer die Geduld der Tiere nicht weiter strapazieren und auf - sicher lieb gemeintes - Tätscheln, Rückenklopfen etc. verzichten.   

6. Fehlendes Kranzrind beklagen: Wenn ein geschmücktes Kranzrind vor einer Herde läuft, hat das in der Allgäuer Tradition einen speziellen Grund: Alle Tiere der jeweiligen Alpe haben den Bergsommer gesund überstanden. Kommt ein Älpler ohne Kranzrind ins Tal musste er einen oder gar mehrere Verluste hinnehmen. Zum Beispiel, weil ein Rind von einem Blitz erschlagen wurde oder abstürzte. Für die Älpler sind das bittere Momente, die sie lange beschäftigen. Unqualifizierte Zuschauer-Rufe à la: "War der zu faul zum Kranzrind-Schmücken?" wirken da wie Salz in der Wunde.        

7. Kuhschellen mitnehmen:  Wer nimmt nicht gerne ein Souvenir aus dem Urlaub mit? Doch Vorsicht: Kuhschellen (aus Blech geschmiedet) oder Kuhglocken (aus gegossenem Messing) sind keine Gratis-Mitbringsel wie Muscheln - auch wenn sie beim Viehscheid in großer Zahl auf dem Boden liegen. Für ihre Besitzer haben die oftmals historischen Schellen großen emotionalen Wert. Weiteres Missverständnis: Manche Viehscheid-Neulinge sorgen sich um das Wohl der Tiere, weil sie davon ausgehen, dass sie das ganze Jahr über an der "großen Glocke" hängen. Dem ist nicht so: "Die Tiere tragen diese besonderen Schellen aus alter Tradition nur beim Viehscheid", stellt Franz Hage klar. 

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