"Fini" ist der Hit!
03.02.2019 Land & Leute

Warum dieses Reh jeden Tag vor der Tür einer Allgäuer Familie steht

Da steht ein Reh aufm Flur! Was wie ein Faschingsscherz klingt, ist bei Familie Boxler in Oberstdorf tierische Realität. Sie bekommt in diesem Winter fast jeden Tag Besuch von einem zutraulichen Reh. Waldbewohnerin "Fini" hat den Boxlers viel zu verdanken. Sie haben ihr vor einem halben Jahr das Leben gerettet. Die ganze Geschichte liest Du hier.

Den Klingelknopf kann "Fini" zwar noch (?) nicht drücken. Aber wenn das süße Reh vor der Tür der Familie Thomas (33) und Marie-Theres (29) Boxler steht, dauert es nicht lange, bis ihm jemand die Tür aufmacht. "Wir erkennen sie an ihrem Fiepen", sagt Marie-Theres. Speziell an kalten Wintertagen freut sich "Fini" auf ein paar wärmende Stunden im Wohnzimmer der Familie, die am Ortsrand von Oberstdorf dicht an Wald und Bergen lebt. Sie spielt mit den Boxler-Söhnen Mathis (4) und Pius (2). Oder sie legt sich nachts in ihre eigene kleine Hütte vor dem Haus, vertilgt Heu und getrocknete Brennnesseln und schläft eine Runde.

Beim Besuch der jungen Reh-Dame geht Marie-Theres jedes Mal das Herz auf. Für sie ist es, als ob eine flügge gewordene Tochter mal wieder kurz nach Hause kommt. Die starke Bindung zwischen den beiden hat einen besonderen Grund. Marie-Theres hat "Fini" als Rehkitz vor dem Tod bewahrt und aufgezogen. Mittlerweile lebt das Tier zwar wieder in der Natur. Doch wenn es Heimweh hat, kommt es zu den Boxlers zurück. "Manchmal müssen wir darüber einfach lachen", sagt Marie-Theres schmunzelnd.

Bei ihrer ersten Begegnung wäre die gerade mal fünf Tage alte "Fini" um ein Haar von einem Raubtier mit rötlichem Fell aufgefressen worden. 

Fuchs Du hast die... ganz große "Fini"-Liebe erst ins Rollen gebracht! 

Anfang Juni rettete Marie-Theres das Bambi vor den Klauen eines frechen Fuchses. Der Räuber lauerte auf einer Wiese des Boxler-Hofes auf seine Beute. Die Rehmutter konnte gerade noch flüchten. Jetzt sah es der Fuchs auf das Rehkitz ab. "Ich hab mich fast zwei Stunden zum Bambi gehockt. Doch der Fuchs ließ sich nicht vertreiben", erinnert sich Marie-Theres an die dramatische Szene. "Irgendwann ist das Kitz aufgestanden - und neugierig auf den Fuchs zugetappt. Da konnte ich nicht anders. Ich hab es auf meine Arme genommen und in Sicherheit gebracht."

Ab diesem Moment, das war der tierlieben Allgäuerin klar, hatte sie eine besondere Verantwortung für "Fini". "Da sie jetzt nach Mensch roch, wäre sie von ihrer Mutter wohl nicht mehr angenommen worden", sagt Marie-Theres, deren Vater Jäger ist. In Absprache mit mehreren Experten übernahm sie die Aufzucht des Findlings!

"Das war eine anstrengende, aber auch wahnsinnig schöne Zeit", erzählt sie. Alle zwei Stunden brauchte Fini anfangs ihr Fläschchen mit Ziegenmilch. "Ich hatte immer Sorge, dass sie nicht überlebt", sagt seine Ersatzmama. Doch "Fini" gedieh prächtig und genoss ihren Aufenthalt bei den Boxlers. Sie hatte ein eigenes Zimmer, tobte mit den Kindern im Garten und durfte abends vor dem Fernseher kuscheln.

Rehikitz Fini und ihr Leben bei den Boxlers

Einfach nur süß: Rehkitz Fini lebte im Sommer zwei Monate lang bei den Boxlers. privat
Sie hatte ihr eigenes Plätzchen, wo sie sich von Anfang an wohlfühlte. privat
Aufgepäppelt wurde sie mit Ziegenmilch aus dem Fläschle. privat
Mit den Kindern verstand sich Fini von Anfang an. privat
Mit Ersatzmama Marie-Theres kuschelte Fini besonders gern. privat
Natürlich zog es Fini nach draußen. privat
Dass das Rehkitz eines Tages wieder in freier Wildbahn leben kann, das war Familie Boxler von Anfang wichtig. privat
Das nennt man wohl idyllische Kindheit. privat
Auch zu Spaziergängen wurde das Kitz mitgenommen. privat
Fini ist den Boxlers ans Herz gewachsen und umgekehrt. privat

Zwei Monate lang gehörte das Kitz quasi zur Familie. Doch Marie-Theres war klar, dass das nicht so bleiben konnte. "Fini gehört in die Natur." Der Familie gelang es, das Reh nach und nach an ein eigenständiges Leben in der Natur zu gewöhnen. Dabei erwies sich die Wohnlage nahe am Wald als praktisch.

"Fini hat ihren Radius immer weiter ausgedehnt." Bis das junge Reh eigene Wege ging. Mittlerweile hat es offenbar auch Anschluss zu Artgenossen gefunden. "Einmal hat sie uns mit einer Freundin besucht", sagt Marie-Theres und fügt schmunzelnd hinzu: "Die hat allerdings deutlich mehr Abstand zu uns Menschen gehalten." Ob Fini ihre Ziehfamilie auch nach dem Winter besuchen wird, weiß niemand. Nur eines ist laut Ersatzmama Marie-Theres Boxler sicher: "Unsere Tür steht ihr immer offen."


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